Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Hanna von Graßnick hatte sich bald nach der Abfahrt des Grafen Rutkowski zurückgezogen. Versen war nicht müde, aber nach den Erregungen, die der Abend gebracht, nicht in der Stimmung, bei gleichgültigen Gesprächen weiterzu-- kneipen. So ^agte auch er balo Gute Nacht und suchte sein Zimmer auf. Er schlief schwer ein.
Als er am nächsten Morgen erwachte, zeigte die Uhr halb sieben. Um sechs hatte der Klang der Glocke nock- dumpf in seinen Traum getönt. Er reckte die Glieder und stand auf. Das lange Schlafen vertrug er nicht. Die Glocke schlug zum zweiten Male an, als er kräftig an die Tür des Nebenzimmers pocht.
„Heda, Ernst August! Wie ist das? Auf dem Lande muß man ebensogut um sieben raus wie in der Stadt!"
Ein Gähnen und Stöhnen drinnen, und als Versen eintrat, hob sich Ernst Augusts verkatertes Gesicht aus den Kissen.
„Mensch/' brummte er und rieb sich die Augen, „was ist das gestern noch eine Sitzung geworden! Da sind unsere Kasinokneipen überhaupt nichts dagegen! In der Religion und im Rotweintrinken hält meinem Vater niemand die ManE. Allmächtiger, mein Schädel!"
Mit dumpfem Äechzen hielt er sich die Schläfen. -
„Mach', daß du rauskommst, Mensch. Und wenn Hanna schoil sichtbar ist, sie soll mir das stärkste Gau de Eologne heraufschicken, das da ist. Uff, ich werd's brauchen."
„Wird besorgt. Uebrigens, da schläft wohl dein lieber Vater auch noch?"
Ernst August stieß, schon halb vor dem Wiedereinschlafen, einen Laut aus. Es sollte ein Lachen sein, aber es war eineln Grunzen ähnlicher.
„Hast du Ahnung von meinem Vater! Die Morgen* andacht, Melisch, bißt er nie aus. Und je toller ihm der Schädel brummt, um so zerkllirschter und wilder wettert er drauf los. Uff, was willst du denn noch?"
„Nichts, nichts," sagte Versen leise und machte die Tür zu. Im Flur hörte er wirklich den alten Baron predigen. Schon wollte er keck die Tür öffnen und sich unter die Zw- Hörer mischen, aber dann schüttelte er den Kopf. Er hatte kein Recht dazu, und Hans Werl konnte es womöglich übel vermerken. So betrat er das Eßzimmer. Der Frühstückstisch war fertig aufgebaut. Hanna von Graßnick warf gerade einen letzten prüfenden Blick darüber. Sie hatte ein marineblaues, eng anschließendes Kleid angelegt, das ihre Figur wuickervoll hob und alle zarten Linien zur Geltung
brachte. Versen küßte mit ergebenstem Morgengruß ihre Hand.
„Haben Sie gut geruht, Herr Leutnant? Sie wissen, man soll auf die Träume, die man anderswo träumt, achten."
„Danke ergebenst. Gnädigste. Besser als Ernst August schlief ich immer. Der arme Mensch hat die entsetzlichsten Kopfschmerzen. Er läßt um das stärkste Gau de Eologne bitten, das sich im Hause vorfindet."
Sie lachte. Nicht laut, sondern mehr in stiller Heiterkeit in sich hinein.
„Und Sie haben diese Kopfschmerzen nicht, Herr von Versen?" fragte sie und sah ihn von der Seite an. „Allerhöchste Hochachtung! Selbst mein guter Papa, der alles, was nach Parfüm riecht, haßt, hat mir heute das Kölnische Wasser schon entführt."
„Nern," erwiderte er, von ihrer Heiterkeit angesbeckt, „mein Kopf ist klar. Wer ich bitte, mich nicht zu überschätzen; ich verließ die beiden Herren sehr früh. Gleich nach Ihnen! Dies, Herrin, ist der Grund!"
„Ach so," sagte sie leichthin. Sie war rot geworden, als er erzählte, daß er gleich nach ihr die Herren verlassen Mte
„Und wann geht es nun fort?" fragte sie dann.
Er seufzte: „Die Galgenfrist ist kurz, nur wenige Stunden noch." Nach einer Pause: „Ich war gern hier!"
„Dann kommen Sie wieder!"
„Wenn ich darf!" Seine Augen leuchteten.
Als hätte Hanna von Graßnik zu viel gesagt, sprach sie: „Mein Papa hat gern Gesellschaft. Und als bester Freund von Ernst sind Sie ihm doppelt willkommen."
Er stützte sich leicht auf den Tisch.
,^So, so! Sie reden nur immer von Ihrem Herrn Vater, aber Sie selbst, gnädiges Fräulein?"
„Ich bin die gehorsame Tochter, Herr von Versen."
„Und haben nur deshalb gegen mich nichts einzuwen- den?" fragte er.
„Nun wollen Sie mich falsch verstehen," erwiderte sie. „Ich freue mich, wenn es einem Gaste bei uns behagt. Mir haben ja überhaupt so wenig Verkehr."
„O, was das anbetrifft! —" Er biß sich auf die Lippen. „Verzeihung," fuhr er fort, „ich meinte, erst gestern war ja noch lieber Besuch hier."
Sie sah ihn groß an. Und ruhig antwortete sie: „Ja, der Graf Rutkowski ist der einzige, der ab und zu auch ohne direkte Einladung mal herüberkommt."
Der 'Leutnant sah resigniert auf seine Stiefelspitzell herab. „Ich begreife, daß er sich hier wohlfühtt, und inöchte darin mit ihm tauschen, so wenig er selbst und feine Lebensführung sonst meine Passion ist. Wer weiß, wann unsereiner hier mal wieder Station macht, und ob Sie dann noch da sind, Fräulein Han — gnädiges Fräulein!"
So rasch er sich auch verbessert, sie hatte es gehört und sich schnell abgewandt ans Fenster. Beide waren verlegen.
„Sie sind sonderbar. Wo sollte ich delm sein?"


