Nm toten See.
Roman von R o b e r t K o h l r a u s ch.
(Nachdruck verboten.)
Erstes Kapitel.
Hell und sauber war es, das Dienstbotenzimmer in Schloß Garchim. An den beiden im Augenblick weit geöff- uelen Fenstern gingen weiße Vorhänge schlaff herab, die Tische und Stühle waren aus ungestrichenem, reingescheuertem, weißem Holz: weiß leuchteten die Schürzen der Köchin und des Hausmädchens, weiß war auch der große, runde Blechschirm über der mächtigen Petroleumlampe, die von der Decke niederhing und ihr Licht über den weißen Raum ergoß.
Die drei Persouen, die sich im Zimmer befanden, ruhten vom Tagewerk aus. Die Köchin hatte sich eine Brille . aufgesetzt und häkelte an einem weißen Wolltuch für Winterstage. Das Hausmädchen saß ganz untätig ihr gegenüber am großen, länglichen Mitteltisch unter der Lampe und wehte sich mit ihrer Schürze Kühlung zu. Dabei warf sie vergeblich lockende Blicke auf den hübschen, jungen Diener, der, in ein Zeitungsblatt vertieft, ein wenig abseits von ihr saß und sich durch ihr Augeuspiel reicht stören ließ. Er war ganz mit . seiner Lektüre beschäftigt und strich sich nur zuweilen den kecken, blonden Husarenschnurrbart, den er aus der Militärzeit mit Erlaubnis der Herrschaft in das gegenwärtige Dienstverhältnis gerettet hatte.
So saßen die drei eine Weile: dann blickten sie gleichzeitig empor. Die weiße Tür zum Korridor öffnete sich — sie tat es mit jenem behaglichen Knarren, das alten Türen in altmodischen Häusern eigen ist, — und ein Mann trat herein, der sich mit einem roten, baumwollenen Taschentuch über das Gesicht fuhr. Es war der Kutscher Sürjahn, der nun mit knurriger Stimme ries: „Donnerwetter nochmal! Schockschwerenot nochmal! Ist das eine Bullenhitze heute abend!"
Die Köchin schob die Brille auf die Stirn und sah darunter her mißbilligend auf den Nebelgelaunten. „Herr Sürjahn," sagte sie dann vorwurfsvoll mit spitzigein Ton: -,Wenn Sie die Bemerkungen über das Wetter nicht mit so abscheulichen Flüchen begleiten wollten, so wäre das meiner Ansicht nach gebildeter."
„Ach was, gebildet! Wenn einem das Wasser den Buckel hinunterläuft, kann man nicht auch noch groß gebildet sein. So 'ne .Hitze ist mir hier überhaupt noch nicht vorgekommen, und ich bin doch nun schon beinahe dreißig Jahre im Schloß. Ein Wind weht heute, so schwül, als wenn er geradeswegs aus dem Backofen herauskäme. Der Herr Verwalter hat ihm auch einen besonderen Namen gegeben: es war was Ausländisches, ich habe mir's nicht behalten. Aber daß ich schlvitze, das weiß ich auch ohne den Namen."
„Ich glaube, das, tun wir wohl alle," versetzte die
Köchin mit unverminderter Würde. „Vom Fluchen wird das aber nicht besser."
Der Kutscher horce nicht viel nach ihr hin, sondern setzte den eigenen Gedankengang fort.
/,So ähnlich war es vor sechs Wochen, eh' wir den großen Windbruch hatten —"
„So heiß war es nicht," widersprach die Köchin.
„So herß natürlich nicht. Es war ja nach. Mai, und heute haben wir den zweiten Juli. So ein Wetter aber war's,, genau so war es damals. Dieser Wind —"
'„Wir wollen hoffen," unterbrach ihn die Köchin, „daß wir heute nacht nicht wieder tvas Aehnliches erleben. Ein Gewitter gibt es, das fühle ich ganz deutlich in meinem rechten Bein, und wenn die Schmerzen so bis in die große Zehe hinuutergehen, dann kommt es tüchtig."
„Das war eigentlich schrecklich damals mit dem Windbruch !" sagte das Hausmädchen mit einem Augenausschlag, den sie gern verwendete, wenn der hübsche Diener in ihrer, Nähe lvar. „Dies'Heulen und Pfeifen und Krachen, und am andern Morgen dann alle die schönen Bäume am Boden — wie um gemäht. Ach, und der Pavillon, den es auch mit zerstört hat! Vorigen Sommer haben wir dort manchmal abends gesessen, und Ihr Vorgänger, Franz, hat uns was erzählt. Er war sehr unterhaltend, Ihr Vorgänger."
Der Diener, den sie also anzustacheln suchte, sah nur flüchtig von der Zeitung auf, in die er sich wieder vertieft hatte, und sagte mit beleidigender Kälte: „Wirklich? Na, wir können ja nicht alle gleich sein."
Diese Antwort erfreute den Kutscher, der den Rock aus gezogen und sich in Hemdärmeln auch an den Tisch gesetzt hatte. „Bravo!" ries er. „Nur immer die Frauenzimmer abfallen lassen, nur nicht auf ihre schönen Redens hören! Tun Sie alles, Franz, aber lassen Sie sich nicht einsangen. Heiraten Sie nicht, heiraten Sie nicht!"
„Ach, was verstehen Sie alter Junggeselle denn vom Heiraten?" fragte das Hausmädchen mit einer verächtlichen Kopfbewegung.
„Gerade genug. Denn es hat ansgereicht, um mich davor zu bewahren. Uebrigens meine ich, daß man just hier im Hause keine große Ursache hätte, ein Loblied aufs Heiraten zu singen."
„Das ist leider Gottes wahr!" gab die Köchin zu, die sich dabei zum ersten Male in Uebereinstimmung mit dem Kutscher zeigte. Das war Wasser auf seine Mühle, und er knurrte die Worte jetzt noch lebhafter hervor. „Ja, habe ich nicht recht? Haben wir nicht hier vor Augen ein Beispiel von einer unglücklichen Ehe? Müssen Sie mir das nicht selber bestätigen, Fräulein Sophie?"
So als Autorität angerufen, stimmte die Köchin ihm zum zweiten Male bei, wenn sie auch gewohnten Widerspruch nicht ganz unterdrücken mochte.
„Jawohl, recht haben Sie, Herr Sürjahn. Aber das


