Ausgabe 
18.12.1916
 
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Junge Mädchen bleiben doch nicht immer im Vater­haus. Vielleicht habeil Sie sich inzwischen ein eigenes Heim gegründet." Es wollte liicht über die Lippen. Er sah, wie sie die Achseln zuckte.

Ich habe nicht allzu gut die Nacht geschlafen," sagte er langsam, aber entschlossen.Mich hat eine Frage beschäftigt, ein Problem, und ich inöchte gern Ihre Meinung darüber hören!"

Sie wandte sich und stützte sich mit den Händen leicht aufs Fensterbrett, an dem sie lehnte. Gegen die hellen Schei­ben zeichneten sich die Umrisse ihrer schöneil nnd schlanken Finger doppelt klar ab.

Es handelt sich darum: Glauben Sie, das; in einer Ge­bend, in der ztöei Nationen nebeneinander hausen, und in der natürlich Reibungen Vorkommen, eine glückliche Ehe zwi- schen zwei Personen verschiedener Nationalität möglich ist?"

Sie wurde langsam rot Ulld röter. Aber sie nahm sich zusammen:Warum fragen Sie mich das?"

Weil eine Dame da wohl ein feineres Gefühl hat als unsereiner!"

Wie ein schwerer Atem war's iit dem Zimmer. Mit alter Gewalt versuchte Hanna voll Graßnick, möglichst unbefangen dreinzuschauen und zu reden.

Ich denke, Herr von Bersen, das wird eben von den Persönlichkeiten abhängen."

Mit andern Worten: Sie glauben an die Möglichkeit einer glücklichen Ehe, Baroneß?"

Unter Umständen, warum nicht? Sind Sie anderer Meinung?"

Mlerdings. Niemand verlernt, besonders wenn er stets wieder mit Landsleuteli zusanlinen kommt, das Fühlen des Volkes, dem seine Mutter und er selber angehört; ebenso wenig, wie mail im alten Kreise die Muttersprache verlernt. Und über persönliche Zuneiguilg fort muß also eines Tages die Grundverschiedenheit des Fühlens einen Keil in die Ehe treiben, an dem das Glück schließlich zugrunde geht."

Sie hatte sich ganz wieder gefaßt. In feinen Worten klang ein Ton persönlicher Abneigung gegen solch eine Ehe. klang's wie Aerger, Angst, Bitten. Das erfüllte sie mit einem wunderlichen, ailgenehnlen Gefühl und gab ihr die volle Sicherheit zurück. Mit einer unbewußten Koketterie sagte sie:Hier an der Grenze gibt es viele Ehen zwischen Deutschen und Polen. Nach Ihrer Theorie müßten Sie albe unglücklich sein. Ich glaube nicht daran, denn Sie machen einen großen Rechenfehler. Sie vergessen, daß in der Ehe doch eine Partei immer die stärkere ist und die andere zu sich hinüberzieht. Da diese stärkere Partei meistens wohl der Mann sein wird,cko darf man annehmen, daß das Mädchen, wie in seine Lebensweise, so auch gleichsam in seine Nationalität, in seine Art des Führens, Denkens, Sprechens hineinwächst."

Er war totenbleich. Kerzengerade staild er da.Also mit anderen Worten: Uln des Mannes willen löst sich das Mädchen von ihrem Volke, ihrer Muttersprache, der Tra- drtron, von allem, was uns teuer ist." Und in halb zorni­gem, halb entsetzten: Ausruf:Das kann nicht Ihre Mei­nung fern!"

Lächelich, auch ein wenig überlegen, wiegte sie sich an Fenster. Sie war schon in diesem lässigen, kaum merkbarer Wiegen. Sie mochte es a::ch selber wissen. Versens.Aüaer wichen nicht vor: ihr. J

Gnädiges Fräulein," fragte er dann seltsam ruhig darf ich ein direktes Beispiel bilde,:? Würden Sie um eine- Polen willen, der reich, vornehin, interessant ist, ich frage wurden Sie um seinetwillen auch alt dies opfern? Könnte, Sie bergesjen, baß Sie einer Familie eiitstaniinen, die dentsck war durch viele Jahrhunderte? Daß Ihr Vater sein Deutsch nun lper in der Grenzmark wacker festgehalten hat? Daß - aber Sie wissen, was ich meine! Und würden Sic trotzden einem Polen die Hand reichen können?"

Hanna von Graßnick hatte das Fensterbrett losgelassen Sie stand nun so aufrecht da wie er.

Sie fragen sonderbar. Herr Leutnant'"

Er senkte das Haupt.

Pardon, ich habe keil. Recht zu dieser Frage. Abe wollen Sre nur nicht antworten?"

Nun hob er den Kopf. Beide waren rot. Ein Scwveigei enrswnd wre eine kleine Ewigkeit. Ihr schwerer Atein <nnc durchs Gemach. Unverwandt blickten sie sick, an.

Fräulein Hanna"

Noch röter wurde sie. Wie ein lähmender Bann lag ti

auf ihnen. Da strömten draußen die Arbeiter ans den Flur; nach der Küche eilten sie, um nach der zweifelhaften Herz­stärkung einer Nasaoraer Mvrgenandacht auch den Magen zu stärken. In: Nu fuhr das Mädchen auf.

Papa kommt. Das Frühstück muß auf bem Tisch stehe,:." Und hastig klingelte sie und gab Befehle. Sie war noch immer brennend rot. Als müßte sie von vornherein Vorbeugen, daß der Leutnant etwa ans das Thema 'znrück- kam, sprach sie selbst so hastig, wie es zu ihrer sonst so ruhigen Art wenig passen wollte.

Wenn nicht alles parat ist, gibt es einen Rüssel. Darin ist Papa ein richtiger Tyrann. Sie trinken doch auch Kaffee- Oder soll ich Tee bestellen?"

Und als sie die Tür öffnete, sagte sie !vic befreit:Ah/ da bist du ja, wir warten schon!"

Das Frühstück ivar gut, aber eine Unterhaltung kam nicht auf.- Hans Albert war mürrisch wegen seiner Kopf­schmerzen und wollte es doch um alles in der Welt nicht wahr haben, daß sie von: gestrigen Rotwein herrührten. Bersen vermied es, Hanna anzusehen, lvar einsilbig Und trüb gestimmt. Die Baroneß sorgte für die Herren, ließ aber das eigene Frühstück stehen nnd ward bald blaß, bald rot.

Ein paar Stunden später verabschiedeten sich die Offi­ziere von Hans Albert. Der Urlaub lvar abgelaufen. Bor der Freitreppe, von Knechten gehalten, scharrten ihre Pferde. Langsanr stieg Ernst August die Stufen hinab, Versen mit dem alten Baron hinterdrein.

Wo bleibt b£un nur Hanna?" fragte der Bruder ärger­lich.Wir müssen fort, sonst gibt's ein Donnerwetter, wenn wir uns meiden."

Habe ja schon zweimal nach ihr geschickt," brummte der Alte.Ist in ihren: Zimmer. Der Deubel weiß, wann's ihr beliebt, 'rnnterzukommen."

In demselben Augenblick tönte es hinter ihn::Da ist sie schon!"

Die Köpfe wandten sich. Sie kam in: Reitkleid, die lange Schleppe über den linken Arn: gehängt, herunter. In der Rechten hielt sie die Gerte mit den: silbernen Knopf nnd versuchte dabei, den Handschuh von der linken Hand znzn- knöpsen.

Ich bin lange nicht mehr geritten. Und wenn die Herren nichts dagegen haben, begleite ich sie ein Stück!"

Der Schleier an ihrem Hütchen flatterte im Zuge, lieber Versens Gesicht flog ein Leuchten.Das ist. herrlich!" sagte er in aufrichtiger Freude.

Kapitalidee!" nickte sogar Ernst August.Aber wenn dein Gaul nicht bald vorgefuhrt wird, reite ich allein los!"

Er schwang sich ans sein Pferd.

Da kommt er schon!" ries Hanna. Sie versuchte noch immer vergebens, den Handschuhknopf durch das kleine Knopfloch zu bringen, aber die Reitgerte hinderte sie, nnd seufzend ließ sie die Hand sinken.

Ihr Blick begegnete den: des Leutnants.

Darf ich Helsen, gnädiges Fräulein?" Er hatte seinen Handschuh von den Fingern gezogen. Zögernd ließ sie ihn gewähren.

Sie tun mir weh," sprach sie dann leise. Er hatte die schmale Hand zusa m m e ng ep re ß t.

Bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich will ver­suchen, es besser zu machen!"

Es verwirrte ihn, daß ihr Aten: ihn streiste. Dicht neben chm, in dem knappeii ReiMeid, stand ihre junge, blühende Gestalt. Durch das Leder des Haiidfchuhs hindurch fühlte er ihre Pulse klopsen. Seine Finger waren heiß und unge­schickt. Ein stärkerer Zug faßte jetzt ihren Schleier und lochte ihii an je ui Gesicht. Er legte sich ihm direkt an die Wange.

^E:n preußischer Dragoner mit dem Damenschlcier lachte Ernst August vom Gant herab.Menschenskinder seid chr noch nicht fertig?" *

. . Verlegen nnd doch mit halbem Lachen hatte Hanna mit der rechten Hand nach dein Schleier gegriffen nnd ihn znruckgenommen. ^ -

./^erWind," sagte sic entschuldigend,er treibt mehr Possen als d:e Menschen."

Leider!" erwiderte der Leutnant.

Da watzh sie rot, entzog ihm die Hand und schritt voran. Mag der Knopf offen bleibe». Es geht auch so"

Ehe Bersen der etivas verdutzt dastaud, zuspringen konnte, hatte sie den Fuß ans die Hand des Knechtes gesetzt, der ihr Reitpferd hielt, nnd saß im Sattel.