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„Allons, Herrschaften! Nochmals adieu, bester Vater!"
Ernst August salutierte und ritt voran durchs weit- geöffnete eiserne Gittertor. Die beiden andern folgten, während Hans Albert abwechselnd mit der Schirmmütze und dem Krückstock Abschiedsgrüße hinterher winkte. In leichtem Trab ging's die Chaussee entlang. Wie ein Fähnlein wehte Hannas Schleier waarecht im Winde. Sie saß gut. Als Versen ihr es sagte, nickte sie: „Es ist eine der wenigen besseren Eigenschaften, die ich besitze!"
Eben wollte er erwidern, als Ernst August den Zügel fester' packte. „Paß' mal auf, Fritz. Da steht unser Spezialfreund, der Schmied, puh, das Ciesicht!"
Michael Laskowicz hatte vor der Tür der Schmiede sich einan Moment verschnauft, als er den Hufschlag der Pferde vernahm und die Herrschaften vom Schlosse erkannte. Unter den buschigen Brauen flammte ein bitterböser Blick aus. Rasch machte er Kehrt und ging in die Werkstatt zurück. Wilder als je tönte bald bannt f der schwere Schlag des Hammers aus der Schmiede.
Versen fragte aus Höflichkeit, welche Bewandtnis es' mit den: Manne habe, und wäbrenld Ernst Zkugust und Hanna ihm Auskunft gaben, trabten die edlen Gäule munter dahin. Aber außer Michael Laskowicz hatte noch jemand im Hause des Schmieds den kleinen Reitertrupp bemerkt: Juschu, der Krüppel. Am Fenster hatte er [-eine Körbe geflochten. Die Sonne schien, und er liebte die Soirne, wie er die Sommernacht liebte und seine kranken Träume. Da hatte er Hanna durch die Scheiben gesehen, und neben ihr die beiden Offö- ziere. Die Uniformknöpfe blitzten auf, lächelnd hatte die Baroneß gerade das C^sicht gebogen, es war alles ein Angenblick, dann war's vorbei.
Juschu Laskowicz war ebenso rasch zurückgetreten. Er hatte die Hand auf die Brust gedrückt, wre er's sonst wohl tat, wenn sie schmerzte. Seine Augen waren groß und selt- sam fragend. Das Herz war ihm weh, und doch so voll und selig. Sic war so schön heute wie nie, und wie sie ritt! Und wie wunderbar das Gesicht, das sie gerade gewandt, leicht gerötet vom Wind, der es keck und freudig anblies.
Der Wind, der durste das! Er ließ Körbe Körbe sein. Er nahm seine Mütze und humpelte hinaus. Aus der Chaussee sah er sie dahinreiten. Und als triebe eine geheime Macht, vor der es keinen Widerstand gab, ihn gewaltsam vorwärts, lief er, so schnell er konnte, hinterdrein. Seine Augen glänzten; seine Wangen röteten sich. Der Krüppel träumte wieder nnt offenen Äugen, träumte zum tausendsten Male das wunderschöne Märchen, das niemals zu Ende kam.
(Fortsetzung folgt.)
weihnachtsbränche.
Von Privatoozent Dr. E. Fehrle. *)
Air Weihnachten treten die nicht christlichen Glaubensäuße- rungen unseres Volkes heute nicht mehr stark hervor. Man findet sie aber doch noch mehrfach. Alls verschiedene Weise kamh man die Zukunft erforschen: Man läßt Wasser gefrieren und ersieht aus den Eisgestalten koiumÄide Ereignisse, besonders den zukünftigen Gatten. Oder mau geht in der Christnacht vor fremde Häuser und horcht an den Fenstern. Dabei denkt man sich einen Wunsch. Hört man von drinnen zuerst ein Ja, dann geht er in Erfüllung: bei einem Min nicht. Aus deni Weihnachtsloettep kann man aus die Witterung des ganzen Jahres schließen. Eilt Kirschbaumzrveig, der an Weihnachten ins Wasser gesteckt nnrd und an Neujahr blüht, zeigt für das koinm'eude Jahr gutes Wetter an. Man kann ihn auch! am Nikolaus- oder Barbaratag jn8 Wasser stecken. Er muß dann an Weihnachten blühen, um-gutes Wetter in Aussicht zu stellen. In Thüringen zieht inan Stroh aus dem Dache eines ererbten Hauses; findet inan daher «roch Körnet so hat man im konnnenden Jahr Glück. Mädchen kehren, am Weihnachtsabend die Strebe aus, tragen den Kehricht in den Hof. Und Unarten, darairf sitzchrd, bis der erste HahU kräht. Woher er kräht, daher kommt der zukünftige Schatz.
Solcher Merglaube ist llicht willkürlich erfundener Hokus-; potns, smrdern seht biswerlen eine ganze Kette der Entwicklmrg des Volksglailbens voraus. Man glaubt z. B., daß geisterhafte We-
*) Entnommen der im Verlag von B. G. Deubner-Leipzig und Berlin soeben erschienenen Schrift bou Privatdozent Tr. E Fehrle: „Deutsche Feste und Volksbränche." Mit 30 Ab-.-, bildnngen. Ans Natur und Geisteswelt Bd. 316 Geh. M. 1.20, geb. M. '1.50, in der der Erfasser mit Hilfe einer Anzahl reizvoller Bäder den tieferen Sinn, den nrsprünglich-en Kern auf- zeigt, der in unseren Fest- und sonsttgen BoUsbränck^n als einem altererbten Kulturgut von echt deutschem Geist bewahrt ist
scn am Boden und in fccu Ecken sitzen und mit dem skehricht hinausgefegt »verden können. Setzt man sich auf den KehriclK, so ist man m engerVerbiudung mit ihnen und kann voll ihnen die Zilkunft erfahren. Dieser Brauch! ist in der eben genannten ZukUnftserforschnng verbunden mit denl Glarlbeur an die prophetische Gabe des Hahnes. Wie er den Tag verkündigt rmd das Licht bringt, kann er auch die Zukunft zeigen. Deshalb gehen an Weihnachten oder Neujahr die Mädck>en nachts au den Hühnerstall, klopfen und sagen:
Gackert der Hahn, geackert die Henn,
so krieg ich. en Mann, so krieg ich noch ken
Ter Glanzpmckt der Weihnachtsfeier ist der Christbaum oder Weihnachtsbanm. Er ist ebenso weit bekannt wie die Besche- nmg, ja Weihnachten ist für sehr viele Deutsche ohne einen Christ- baniil garilicht denkbar. Und doch ist der lichtergeschmückte Baum noch, ziemlich jung, alt aber seine Vorläufer. Im Jahre 1494 schreibt Sebastian Brant ür seinem Narren schiff:
Und wer nit ettlvas nuwes hat und limb das rruw jor syngen gat und grycn tann risz steckt in syn haß, der meynt, er lebt das jar nit uß.
Damit haben wir rirren wertvollen allen Beleg für deil durch, meh- rere Jahrhunderte bezeugten und heute noch- üblichen Brauch, grüne Zweige ins Hans zu hängen oder aufzustellen. Ties sind entweder Zweige von Nadelbäumen, Buxbauin, Rosmarin, Stechpalme oder von Kirschs-, Weichsel- imd allderell Laubbäruncn oder Blumen. Sind sie nicht umnergrün, so steckt man sie eünge Zeit vor Weihnachten ins Wasser und stellt sie in die warme Stube, damit sie bis zum Fest Kllvspen, Blätter oder Blüten treiban.
Hier sind zlvei Anschauungen ineürander übergegangen: »nan glaubte in Deutschland, daß mit Begnm eines lreuen Jahres auch die Natur an fange neu zu erwachen, und erzählte sich alterte, Wällderdinge von Bäumen, besonders Kirschbärunen, die an Wech- nachten blühten. Das war in den Augen der Christen eine Verherrlichung des Christkindes durch die Natur und wurde in der Literatur viel behandelt Und in Verbindung gebracht mit dem Baum der Erkemrtnis im Paradies' und durch ihn nrit dem Kreuz Christi. Mit diesem Glauben verband man den Brauch, Kirsch- bau inzweige vor oder an Weihnachten ms Wasser zrr stellen. Nebenher ging eine andere Anschauung. Ten Pflanz«:, die sogar im Winter grünen, und Venen, die im Frühjahr zuerst Knospen und Blüten treiben, schreibt man ganz besondere Lebenskraft zu. Diese gilt es sich nutzbar zu nrachn. Wenn man die Pflanzen im Haus ausstellt oder Menschen, Tiere und Bäunre damit berührt, so glaubt man, daß ihre starke Lebenskraft ans die Berührten oder überhaupt die Umgebung übergehen, Uebel abwehven und Segen spenden könne. Tie Zioeige iverden deshalb an der Haus- oder Stalltür angebracht oder im Stall, in der Wohnstube, iin Speicher, Uw sie meist gegen Feuersgefahr schützen. Man pflegt in der Wissenschaft einen solchen Zweig .Lebensrute zu nennen.
Ter Ursprung des heute üblichen Weihnachtsbaumes scheint im Elsaß oder überhaupt im alemannischen Gebiet am Oberrhein ettva jzwischjen Basel und Slraßbnrg zu sein. Von hier aus sollte er sich über ganz Deutschland und die Welt verbreiten. Zunächst wird der Weihnachtsbanm an einigen Orten Süd- und M-rddentschlands erwähnt. Aber weder Name noch Aussehen ist einheitlich. Er heißt bald Weihnachtsbanm, dann Christbaum, Lebensbanm oder wird sonst gekennzeichnet. Oft ist er ein Tannenbaum, anderswo wie in in Westfalen eine Stechpalme oder ein Wacholderbänmchen oder eine Birke, ein Kirschbäu mchen oder sonst ein Lanbbanm, den inan öfters scklon einige Monate vor Weihnachten in einen Topf setzte und ins Zimmer stellte und auf Weihnachten zum. Blüten brachte. In Ostfriesland hatte man bis vor kurzen: kein Bäumchen, sondern ein» Gestell, an dem Laub, Zucker und etivas Gebäck angebracht war. Ties war am Feilster ausgestellt, wo das Christkind in der Silvesternacht Geschenke für die Kinder hin legte. Bisweilen steht der Weihnachtsbanm neben den blühenden Lanbbäumchen.
Erst Eiche des 18. Jahrhunderts, z. B, 1785 in Straßbnrg, ftichen wir den Weihi:achtsbaun: mit Lichtern. Lichter brannte man an Weihnachten aicch ohne oder neben dem Baum. Wir trafen sie schon an Martinstag. Wie dort werden sie hier zunächst die bösen Geister vertreiben sollen. Licht irnd Leben siich schon ftüh du* nander gleichgesetzt. Dem Licht schreibt nran allgernein segei:spen- dende Wirkung zu. Die Weihuachtssitte, Lickcher anznstecken, war zuerst ein selbständiger Segensbrauch und ist Eiche des 18. Jahr- hillcherts mit den: Baum Verbund«:. Weihnachtsbanm und Licküer- glanz sind jetzt für uns unzertrennliche Vorstellungen.
Goethe lernt den Weihnachtsbanm in Leipzig kennen. Bei ibn: vkch Sck;illcr war er noch eine Seltenheit, die beide Dichter im Elternhause nicht kaiulten. I. P. Hebel verherrlichte ihn in seinen alemannischen Gedichten. Ueberhanpt wurde er an: Anfang des 19. Jahrhunderts öste:-s in der Literatur erwähnt und fand in der Stadt immer mehr Eingang. In und nach den napoleonii'chen Kriegen brachten ihn bei den großen Umwälzungen deutsche Osft ^ier- und Beaintenfanrüien ins AuZland, frenche Soldatei: lernte:: ihn bei ::ns kennen. Tic Franzosen sahen in 1870 »wie jetzt iviv- der bei unseren Soldaten. Ueberha:cht kam der WrihnachtsballM von Deutschland ans ins Allsland. Heute fehlt er ivvhl in keinem Erdteil mehr. ...
Einen solch herrlichen Siegeslauf durch die Welt hat sonst kein deutscher Bolksbranch aufzuiodsen.


