Ausgabe 
16.8.1916
 
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Wunsch nach einer Unterredung mit Ihnen; weil ich hoffte vielleicht köimten Sie mir einige Andeutungen geben."

Und kaum, daß er noch zu Ende gesprochen, versetzte die kleine Elsässerin hastig, fast überstürzt:

Ich weiß nichts, Herr Oberstabsarzt nicht das Mindeste. Ich weiß nicht einmal, welchen Beruf der Herr Doktor Darragon in Paris hat. Ich kannte ihn nur als einen Freund des Herrn de Marsillargues, aber... lassen Sie den Monsieur Darragon während seines hiesigen Aufent­haltes nicht aus den Augen."

Der Oberstabsarzt verhielt ruckhaft den Schritt.

Sie sind in diese rätselhaften Zusammenhänge tiefer eingeweiht, als Sie es wahrhaben wollen, Mademoiselle Marguerite!" . . . sagte er ernst und mahnend.

Sie jedoch war von ihm zurückgewichen. Sie sah ihn Nicht an. Sie schüttelte nur heftig den Kopf.

Ich schwöre Ihnen bei der Mutter Gottes, Herr Oberstabsarzt Sie irren sich! Herr de Marsillargues gab mir Aufträge, die ich nicht ausführen konnte und wollte das ist alles."

Ich kenne diese Aufträge!"

Sie neigte den Kopf und murmelte errötend!:

Gestern hier im Park bei der Rasenbank Sie waren jp Zeuge, Herr Oberstabsarzt."

Dann fuhr sie auf. Wie verzweifelte Entschlossenheit sprang ihm ihre Stimme entgegen:

Um Gotbeswillen Seien Sie wachsam, Herr Ober­stabsarzt! Lassen Sie den Doktor Darragon keine Sekunde aus den Augen!"

Und wandte sich ab und eilte davon fast, als flüchte sie vor ihm.

Der lange Oberstabsarzt Doktor Hartmann starrte ihr verblüfft nach. Dann drehte er sich Um und kchtte kopf­schüttelnd Mm Kavalierhaus Mrück.

Er wurde aus dem Mädel nicht klug. Er wurde aus den ganzen Verhältnissen hier nicht klug. Irgend etwas stimmte nicht.

Und während die eine Halste seines Gehirns immer und immer wieder konstatierte, daß diese kleine Marguerite Varrel doch ein reizender Kerl sei grübelte die andere Hälfte über diesen Alphonse de Marsillargues und diesen Doktor Darragon und der Gefahr, die irgendwo im Dunkel der Zukunst lauerte.

(Fortsetzung folgt.)

Der vritenspiegel.

Wo ist die Fahne Englands, sag' an? Sich hin, wo reiche Geschwader zieh'n. Gefüllt mit gefälschtein Gut Und Bier und Bibeln und Rum.

H e n r y L a b o u ch e r e.

In der Tat: mitBier Bibel und Rum", mit dem Snobis­mus seiner Politik, der Niedriges bewundert und Niedriges tut, mit seinemcant", dem Rotwelschverftschiter respectability" Und brutaler Scheinheiligkeit hat England die Meere aller Zonen er­obert und die Völker aller Erdteile ausgeplündert und geknechtet^ Wer die blutgetaufte, auf Sarg! Und Leichenstein der Völkerfreiheit und des Weltfriedens anfgebaute Geschiichte Englands in hell- strahleriden Blitzlichtern kennen lernen will, der greife nach Erlvin Rosens neuem BucheB riten spie gel".*) Er wird es nicht

*) England! Ein Britenspiegel. Schlachlichtcr aus der Kriegs-, Kultur- und Sittengeschichte. Geh. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk. (Verlag von Robert Lutz in Stuttgart). In seinem Vor­wort sagt der Herausgeber Erwin Rosen u. a.:Seht 'in den Spiegel! IM Spiegel huschen im grellen Wirrlvarr die Tatsachen, die Menschen, die Blntfarben. Irländer schreien ihre Empörung. Inder seufzen ihre Not, ein Napoleon lacht bitter, Amerikaner^ die längst gestorben, klagen das Muttervolk au, Christen beschuldigen das Volk, das die Bibel als sein besonderes Eigentum betrachtet. Märtyrer aller Rassen und Völker zeigen droheitd ihre Wunden. Türken lachen Hohn, Aegyptcr klagen unij ihre Freiheit, Goethe erkennt nt wundervoller Sprache die große Scheinheiligkeit. Eng­länder selbst, vvm großen Staatsntann bis zum großen Dichter, verzweifeln an ihrem eigenen Volk, törichte Negerrassen weinenj über die Segnungen des englischen Christentums. Wie in Parade marschieren im Spiegelbild die Laster: Da ist die Lüge, die Schein­heiligkeit, die Gier, der Geiz, die Verleumdung, die Blntroheir, die Unduldsamkeit, das kalte Verschtagensein..." Die Hauptkapitel lallten: I. Blitzlichter. II. Gold über alles. III. England Md' .die Völker. IV. Im Anfang war das Wort., V. Tie englische Lüge. VI. Schlagschatten (Kultur-Sitten).

bereuen. Am überzeugendsten und geradezu wie mit Hammer­schlägen wirkt das Buch dort, wo es John Bull, dem das Hamlet- wort :daß einer immer lächeln kann intb immer lächeln, und doch ein Sch-urke seinI" im voMen Maße gilt, im Urteile seiner eige­nen Männer zeigt. Hier *etgt sich der geschichtliche Snob in, seiner ganzen widerlichen Größe, der, was Einbildung, Selbst­gefälligkeit und Prahlerei betrifft', wie wenigstens Dhakeray be­hauptet, in seiner Art nicht seinesgleichen sucht. England aber wir folgen bei unseren Ausführungen und textlicher Wiedergabe iniMer bem unerschöpflichen Blitzlichterbuche von Erwin Rosen, das sieb zehnmal die Dynastien gewechselt, neun seiner Könige ermordet, einen König und vier Königinnen hingerichtet, vier Herr- scher abgesetzt ftaf"; England, die Nation des krassesten Egoismus, der tyrannischen Unterdrückung Und der brutalsten Heuchelei, lener Heuchelei, die unter dem Geschrei des Selbstlobes das fremde Recht mit Füßen tritt!" wird hier, durch englische Zeugen überführt, an den Pranger der Weltgeschichte gestellt,

England hat das Schwert gegen denpreußischen Militaris­mus" mit dem cant geigen, daß es für die belgische Neutralität kämpfe. Ter englische Geschichtsschreiber Seeley erklärt uns diesen cant schon vor Jahreit:Für England", sagt er,ist des Krieg eine Industrie, eine der möglichen Artey, reich zu werden, das blühendste Geschäft, die einträglichste Geldanlage." Nur aus diesem Grunde hat England in 76 Jahren 41 .Kriege geführt. Wem das ungeheuerlich erscheint, erinnere sich des Opiumkrieges, dsn England zUM Schutz des Opümrsckmnggels vom Zaune brach. Ein solcher Kriegsgrund wär selbst Gladstone zuviel Und in flaminender Ent­rüstung rief er den Schuldigen im Parlament zu:Tie Chinesen hatten ein Recht, Euch von ihren Küsten zu vertreiben, als sie fanden, daß Ihr diesen infamen und scheußlichen Schmuggel nicht Uufgeben wolltet. Einen nach seinem Ursprung ungerechteren Krieg, der unser Land Mehr mit bleibender Schwäch bedeckte, kenne ich nicht." Aber der Krieg und damit das Geschäft war gemacht. Das Geschäft" war vierzig Jahre vorher der Grund znm englischen K'riegscant gegen denfranzösischen Militarismus".Mrr kämpfen", heißt es im Manifest der Londoner City-Kaufmannschaft, um die ganze Mlelt ftor dem barbarischen französischen Joch vor dem militärischen Despotismus Frankreichs zu be­wahren." In .Wirklichkeit aber war, wie Seeley konstatiert, das Ringen um neue Märkte für englische Waren gegen Frankreichs Handel und aufstrebende Industrie schärfer und volkstümlicher als der Kampf gegen die ftanzösische Revoluliom

Die Franzosen in ihrem Revanchekoller haben heute natürlich jene Zeiten vergessen und so entgeht ihnen, daß der «englische Krieg s- grnnd zurEinkreisung" Napoleons, ihres Nationalheiligen, heute gegen denpreußischen Militarismus" nur etwas aufgewärnit ist. Sie haben Wohl auch nur deshalb vergessen, daß die Engländer ihre Nationalheilige Jeanne d'Arc hauptsächlich aus dem Grunde ver­brannten, weil die heldische Jungfrau so vermessen war, Nord­frankreich utrd Calais von der englischen Fremdherrschaft zu be­freien. Denn der Besitz von Calais war den Engläirdern von jeher ein Kriegsgeschäft; und es sieht beinahe so aus, als ob nicht nur die Beritichtung der deutschen Handelsflotte und der deutsche In­dustrie, sondern auch der Besitz von Calais zu den englischen Kon­junkturen dieses Krieges zählt. Bon Calais aus läßt sich die bel­gische Neutralität tatkräftiger beschützen als von Downingstreet in London ans. Vielleicht wird die Besetzung. Calais' durch die Eng­länder solange dauern,als der gemeinschaftliche Feind, der Ty­rann der Meere, der Vampyr des Handels nicht zur Vernunft znrückgebracht ist". Worte Napoleons, der jedenfalls die Eng­länder besser kanitte als Primäre, Delcasse, Briand und Genossen. Im Revanchekoller hat Frankreich das Vergangene vergessen, weil die antideutsche Politik Eduards VII. ihm alle Garantieu für die Zukunft versprach. Aber ganz abgesehen davon, daß der Eng­länder Massingham 1912 dieser Politik nachsagte, daßsie nichts Gutes auf ihrer Seite habe, weder Recht lwch Ehre, weoer Tra­dition, Gerechtigkeit oder gesunden Menschenverstattd", welche ver­traglichen Garantien kann England bieten, tvenn selbst ein sicherer englischer Marinentinister Lord Selborn unter Beifall des Snobismus sagen durfte:Bei Ausbruch des Krieges fliegen alle diese Paragraphen des Völkerrechts wie Fetzen über das Wasser." Und so werden eines schönen Tages auch che Paragraphen der Ver­träge Englands mit Frankreich, Rußland und Japan wie Fetzen über das Räeer fliegen.Denn," sagte fckwn Lord Derby im Jahre 1857,wir verfahren gegen fremde Rationen höchst schamlos." Aber warum nicht auch!

Es ist nich Lochüldt der Engländer, daß die fremden Nationen so charakterlos demperftden Albivn" alles vergeben und ver­gessen, was es ihnen angetan hat. Der alte Washington und seine Freiheitskämpfer werden sich wegen der Neutralität Wilsons und der amerikanischen Kriegsliefernngen an England nwyl im Grabe herumgedreht haben. Denn dasselbe England hat sich nicht ent- blüdet, die indianischen Wilden gegen die eigenen Stannnesgenossen loszn lassen. Der englische General Bonrgoyne drohte damals den Vätern der heutigen Kriegsli esera.it ten Englands: ..Die Furcht­barkeit der Wildert zeigt den stärksten Eifer, diejenigen zu chüach ten, die sortfahren sollten, gegen Großbritannien zu handeln." Der alte Pitt entsetzte sich über diese Art von Kriegsführung, daß er im Oberhause einen flammenden Protest gegen diese Greuel erhob und das Haus in bewegten Worten beschwor,diesem ehr­losen .Vorgehen den untilgbaren Stempel öffentlichen Abscheus aus