Ein leises Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er sie begrüßte — ein Lächeln, das nicht durch aufdringliche Vertraulichkeit beleidigte; ein Lächeln vielmehr der Erinnerung an gemeinsam verbrachte Wochen tapferen Zusammen- kämpfens in einem Krankenzimmer.
Seltsam, wie dies Lächeln die kleine Marguerite Varrel beruhigte, ihr einen Teil des früheren Lebensmutes zurückgab, ein Teilchen der schweren Last löste, die über ihrem ganzen Denken und Sinnen wuchtete.
Wohl eine Minute wunderten sie schweigend nebeneinander, ehe der lange Doktor endlich zu sprechen begann.
„Mademoiselle Barrel — vor allen Dingen seien Sie bedankt, daß Sie meiner Bitte entsprachen. Denn nicht wahr — es ist natürlich ein gräßliches Abenteuer für ein junges Mädchen, sich mit einem unverheirateteil Herrn zu treffen?"
Scherzhaft gemeinte Worte, mit denen er wohl den Versuch machen wollte, die trübe Starrheit ihrer jungen Züge zu lösen.
Marguerite Barrel jedoch entgegnete ruhig und freundlich: -'
„Wenn es sich um einen Herrn handelt, dessen Pflichttreue und Herzensgute solch ein junges Mädchen sich zum Vorbild genommen hat — dann kann dies gräßliche Abenteuer sich sogar zu einer Freude wandeln."
So ohne jede Koketterie, so ganz schlicht und einfach klangen diese Worte, daß der lange feldgraue Laban die kleine zierliche Marguerite Varrel unwillkürlich verdutzt von der Seite musterte.
Dann glitt über sein energisches Gesicht ein verklärender Schimmer. Er kümmerte sich den Deuwel darurm daß an ihnen Beiden gerade ein Motorfahrer vorbeiknatterte, daß die Allee von Offizieren und Soldaten belebt war. Er griff nach der Hand seiner reizenden Begleiterin und preßte fie heftig.
„Für die Antwort danke ich Ihnen, Mademoiselle. Wenn es Wahrheit ist, was Sie sagten, dann haben Sie mich nur froh damit gemacht und dann stehen Sie mir vielleicht auch nicht ganz so fern, wie ich es fürchtete."
Sie hob erstaunt die müden Augen.
„Weshalb — fürchteten, Herr Oberstabsarzt?"
„Weil es sich ivnst Verdeuwelt schlecht vertragen hätte mit dem Thema,, das einer Aussprache zwischen uns beiden bedarf." ^ ' 1 >
Und als sie keine Erwiderung fand, ging er direkt auf sein Ziel os.
„Nämlich, Mademoiselle Marguerite — Seine Exzellenz will in einer halben Stunde losreiten und da gehöre ich zu seiner nächsten Begleitung; also viel Zeit bleibt mir nicht. Gestatten Sie nur deshalb, mich kurz zu fassen.
„Sagen Sie — wer ist dieser Alphonse de Marsillar- gues?"
Sie war jählings stehen geblieben. Sie starrte ihn an. Sie war wehrlos dagegen, daß ihr ein brennendes Rot ins Gesicht schlug.
„Weshalb fragen Sie mich danach, Herr Oberstabsarzt?"
Da war die Unsicherheit plötzlich, aus seiner Seite; bis ihm ein rettender Gedanke einfiel:
„Gestatten Sie, Mademoiselle Marguerite, daß ich mir eine Zigarre anstecke. Tatsächlich? Na also gehorsamsten Dank natürlich... und ja sehen Sie — weshalb ich gerade Sic danach frage! Das ist nun eine ganz knifflige Geschichte und ich seh schon, es bleibt mir nichts weiter, als ehrlich zu beichten. Denn rund herausgesagt: — gestern nachmittag hatte eine gewisse Mademoiselle Varrel eine sehr erregte Auseinandersetzung mit einem Monsieur de Marsillaogjues bei einer Rasenbank im Park."
„Woher wissen Sie das?"
Wie heiser ihre Stimme klang! Wie in den sanften Madonnenaugen jählings ein hartes sinstereA Leuchten aufwachte!
Das hatte der Oberstabsarzt noch, nie an ihr gesehen; und es trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu erhöhen und seine Beichte zu erleichtern. '
Aber helf er sich> — drum rum kam er doch: nicht; soviel sah er schon ein.
Da war's das Beste, er erzählte ganz einfach und ehrlich den Zusammenhang und gestand auch, die Auseinander- setzuug znüschen Marguerite Und dem Pariser fast vom ersten Wort mi tan ge hört zu haben.
Danach war es lange still. Und ohne daß die Beiden es merkten, verloren sie sich in einem der Seitengänge der großen Querallee, gerieten allgemach in die Tiefe des Parkes hinein, wo nur noch die große Stille und Vogelgezwitscher und spielende Sonnenstrahlen um sie waren.
Marguerite Barrel hielt den Kopf tief gesenkt. Ihre Augen sU-chten den Boden. Und wie als Lloschluß einer langen schweren Gedankenkette flüsterte sie:
„Ja — es gab einmal eine Zeit, wo Herr de Mar- sillargues mein Verlobter war."
Die linke Hand des Oberstäbs arzteis! spannte sich um den Säbelkorb. Er wußte gar nicht, wie dringlich es klang, als er schnell fragte:
„Und die Zeit dieser Verlobung liegt lange zurück, Mademoiselle?"
„Sie fand gestern ihr Ende, Herr Oberstabsarzt."
„Donnerwetter!"
Da sah die zierliche kleine Elsässerin zu ihrem langen Begleiter auf. lieber den Augen lag ihr ein feuchter Schleier.
„Ja — gestern. Und nun werden Sie verstehen, Herr Oberstabsarzt, wenn ich Ihnen erwidere: — kein Mensch fühlt sich weniger dazu berufen, über Herrn de Marsillargues ein Urteil abzugeben, als gerade ich."
Er nickte heftig. Er konnte die Augen nicht von ^hr loskriegen. Armes kleines Ding — in seinem ehrlichen deutschen Herzen schoß ein Gefühl hoch, das halb Mitleid und halb altes mögliche andere war, über das er sich im Augenblick gar nicht klar wurde.
„Natürlich! Selbstverständlich! Der erste Schmerz und auch son bißchen Verzweifluirg über dies in die Brüche gegangene Glück! Versteh ich selbstverständlich, Mademoiselle Marguerite."
Sie aber bewegte leise verneinend den Kopf.
„Das ist es nicht, Herr Oberstabsarzt. Wenn ich keinen Beruf dazu in mir fühle, über Herrn de Marsillargues zu sprechen — so ist es, weil kein Malsch mir fremder ist, als gerade er."
Der lange Doktor machte eine so überraschte Bewegung, daß die Säbelscheide ihm klirrend gegen die Sporen schlug.
„Mademoiselle Marguerite — daran glauben Sie ja selbst nicht."
Und sie mit einem Lächeln, das.trüb und müde um ihre Lippen irrte:
„Ich glaube nicht nur daran, Herr Oberstabsarzt, sondern ich weiß es. Ich habe mich eine ganze lange Nacht geprüft — ick) habe heut früh den Beweis vor mir selbst abgelegt. Ich sah den Herrn de Marsillargues heut vor Tau und Tag in seinem Krastwagen schloß St. Chamant verlassen — nicht einen Schlag mehr hat mein Herz getan, als ich ihnl nachsah. Es ist alles zu.Ende, Herr Oberstabsarzt. Diese Verlobung war wohl auch von Herrn de Marsillargues nicht so ernsthaft gemeint, als ich sie ausfaßte."
!Sie sagte das alles still, bescheiden; fast, als bereite ihr jedes Wort ein wenig Mühe, und setzte nach kurzem Schweigen hinzu:
„Aber wenn Sie solchen Wert darauf legen, über Herrn de Marsillargues Informationen zu erhalten — als er heut morgen das Schloß verließ, befand er sich nur in Gesellschaft seines Chauffeurs; und war doch in Begleitung des Herrn Doktor Darragon gekommen. Also müßte dieser Herr sich noch in St. Chamant befinden."
„Das verhält sich auch so, Mademoiselle."
Wie sie jetzt «abermals zu ihm hochsah, erwachte in ihren Augen ein leises Interesse, eine schattenhafte Spannung.
„Sie wissen es bestimmt, Herr Oberstabsarzt?"
„Ganz bestimmt, Mademoiselle."
„Dann hat er sich vielleicht mit Herrn de Marsillav- aues überworfen, oder die Frau Marquise lud ihn ein, seinen Besuch noch über einige Tage auszudehnen."
„Beide Vermutungen treffen zu, Mademoiselle."
Marguerite Varrel murmelte:
„jJch wußte gar nicht, daß Herr Doktor Darragon ein so naher Bekannter der Frau Marquise sei."
„Er ist es auch nicht, Mademoiselle Marguerite."
„Dann verstehe ich aber sein längeres Bleiben nicht."
„Es geht Ihnen, wie uns allen." k „Und Sie besitzen auch kei,ne Vermutung, weshalb .Herr Doktor Darragon seinen hiesigen Aufenthalt länger ausdehnt?"
„Das ist es eben, Mademoiselle Marguerite, worüber wir uns alle den Kopf zerbrechen. Und deshalb auch mein


