Ausgabe 
16.8.1916
 
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IM - Nr. J02

Schicksale.

Roman von Heinrich Kornfeld.

(Nachdruck verboten.)

, tNmerldantscher Copyright by Carl Duncker 1914 .)

(Fortsetzung.)

r ' Die junge Elsässerin glaubte das zu wissen, als hätte kH ihr einer bei allen zwÄf Nochelfern zugeschworen.

Versunken der Traum von Sonne und Glück unL Selig­keit verweht die Hoffnung einer gemeinsamen Zukunfti verklungen das Lied vom Glück...

Als die kleine Marguerite Varrel sich schließlich vom Fenster abwandte und zuni Bett zurückkehrte da streiften ihre Angen inr Vorübergehen unwillkürlich den Spiegel der Frisiertoilette. Aus dem geschliffenen oval geschnittenen Mas starute ihr ein blutleeres erledigtes Gesicht entgegen ein Gesicht, darin die Augen trüb und glanzlos und über­wacht irrlichterten, darin die Lippen schmal und herb sich 'zusammenpreßten.

Das war sie? War sie es wirklich? Die allzeit tapfere lustige kleine Marguerite Varrel, die in den Jahren ihrer Pariser Einsamkeit die Not des Alltags lachend ge­tragen, bi? mit fröhlichen: Scherzwort stets sich selbst einen Halt zu geben verstanden hatte?

Sie und dies müde junge Weib, das ihr da aus dem Spiegel entgegenstarrte .... das sollte ein und dieslbe Kerosn sein?

Aber auch dieser Frage nachzugrübeln war sie zu müde.

Sie sank wieder auf das Bett zurück, vergrub den Kopf in den Kissen, schloß die Augen ... die bleischwere dumpfe Lethargie legte sich abermals wie ein erstickender Schleier über sie. Und so verrann Stunde um Stunde. Und im Schloß erwachte allgemach Leben. Und die Sonne loderte wie ein glühender Feuerball mit ockergelben Rändern am türkis­blauen Horizont, schüttete auch durch die geschlossenen Vor­hänge Fluten strömenden Goldes ... die kleine Marguerite Varrel sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts.

Und dachte mitten in ihrem brütenden Dahindämmern plötzlich:

Wer sich da nur sortlvährend an meiner Tür zu schassen macht? Ihr sollt mich doch in Frieden lassen! Ich will ja von euch allen nichts mehr 'nichts mehr!"

Doch das Klopfen wurde stärker, wiederholte sich dringender, herrischer.

Sodaß sie sich schließlich auftichtete, widerwillig und gequält die Lippen öffnete:

, JEntrez!"

Eins der Stubenmädchen ttat ein. knickste, legte auf Marguerites Bett ein weißes verschlossenes Kuvert.

Für Mademoiselle."

Von Alphonse ein Abschiedsbries! Eine letzte über­flüssige Mckftchtnahme!" . , . glitt es ihr durchs Gehirn.

Und ob es sie gleich überflüssig däuchte, wiederholte sie doch:

Für wich? Von wem ist dieser Brief?"

,Jch weiß es nicht, Mademoiselle. Ein Ordonnanz aus dem Kavalierhaus gab ihn vor ein paar Minuten ab, mit der Weisung, ihn sofort Mademoiselle zu überbringen. Und Antwort würde in einer halben Stunde abgeholt werden."

Damit alitt das Stubenmädchen aus dem Zimmer, drückte leise die Tier hinter sich ins Schloß.

Marguerite Varrel wollte sie zuriickrusen, doch ihr wäre nichts eingefallen, was sie das Mädchen etwa hätte noch fragen können.

Sie streifte das Kuvert mit müden Augen. Sie ver­mochte sich nicht zu denken, wer aus dem Kavalierhans ihr schreiben konnte, was man von ihr wollte. Mer es war ja auch gleichgültig so grenzenlos gleichgültig.

Es dauerte lange, bis sie sich soweit ermannte, den Umschlag zu öffnen, den Brief zu entfalten.

Er enthielt nachstehende Zeilen:

Mademoiselle,

in einer Angelegenheit, die Sie und mich in gleicher Weiset betrifft und die nicht ohne Wichtigkeit sein dürste, niuß ich noch heute eine Rücksprache mit Ihnen unter vier Augen haben. Teilen Sie tnir bitte Ort und Zeit mit. Ihre Ant- wart werde ich in einer Stunde holen lassen. Ich bitte um vorläufige Diskretion.

Sehr ergebenst

Dr. Hartmann."

Marguerite Varrel schüttelte unwillkürlich den Kopf, als sie den Brief wieder in den Umschlag zurückschob. Sie vermochte sich nicht zu denken, was dieser Oberstabs-arzt für Interesse an einer Rücksprache mit ihr unter vier Augen haben konnte.

Wohl eine halbe Stunde lag sie noch, dann raffte sie sich gewaltsam aus, kleidete sich an und schrieb die Antwort dahingehend, daß sie um vier Uhr nachmittags auf der großen Allee sein würde, die vom Kavalierhaus zmn Schloß führte. \

Möglich, daß der Doktor Hartmanu über diesen Rendezvousplatz erstaunt sein mochte. Doch das kümmerte sie nicht.

Sie wünschte keine Heimlichkeiten; mochte jeder Zeuge dieser Unterredung sein sie hatte kein spähendes arg­wöhnisches Auge zu schauen.

Die große Uhr auf der Diele des Schlosses schlug dröhnend viermal an, als Marguerite Barrel das Hans verließ, die breite Kiespromenade dem Kavalierhans ent­gegen hinabschritt. Ganz langsam. Ihr fehlte jede Neugier, jede Spannung, was wohl der Zweck dieser Unterredung sein könnte.

Sie- hatte noch nicht ein Viertel des Weges zurückge- legt, als der Oberstabsarzt ihr bereits entgegenkam..