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und sowohl durch sein gefühlsmäßiges wie durch sein intellektuelles Werturteil bejaht werden kann. Was mir für ein Gesellschaftszimmer vorschwebt — aristokratisches Maßhalten selbst in jubelndster Lebensfreude — das ließe sich etwa in der Reserviertherrk einer lila Tapete und in dem Feuer dunkler, bei uns mit Recht bevorzugter Mahagonimöbel ausdrücken. Sie würden das gleichmäßige Deckenlicht in berückendem Spiel der Reflexe wiedergeben, sie müßten von innen und außen technisch vollkommene Qualitätsarbeit sein. Tie Stoffe und Teppiche sollten ein stilles Glül-en in sich tragen wie von Schönheits- und Lebensfülle. Hier wäre Raum für reizvolle Exklllsivitäten, für Gegenstände, die die Freude an der reinen Form ohne Berücksichtigung des Zweckgedankens erzeugt hat. Hier würde sich willkommen die aktuelle Tendenz auf's Exotische und Bunte einfügen, und hier ließe sich am besten die Einheit des Zeitgeistes mit Kunstform und Kleidung aufweisen. Einmal auf die tieferen Bindungen und Bedingungen der Mode hinzuweisen, ist notwendig. Sie wird von vielen verachtet wegen ihrer scheinbaren Zufälligkeit und ihres ewigen Wechsels. Diese sehen nicht, daß ihre geheimste Triebkraft in Verbindung steht mit ber ganzen Denk- und Arbeitsrichtnng der Zeit, und daß Fluß und Wechsel ein Gesetz der dllrtur ist. Wer in Geschmacksdingen nur nicht allzu unbeweglich ist. der wird auch hinter dem Schleier des oft Absonderlichen die Züge der Schönheit entdecken, der wird eine neue Freude darin genießen, zu beobachten, wie ein! neuzeitlich eingerichtetes Zimmer der voll kommen sie Rahmen für eine modern gekleidete Frau wird; für die heutige Mode mit ihren orientalischen Reminiszenzen urä> ihrer einfachen Linie, die sich in der edlen Schmucklosigkeit der neuen Möbel wiederftndet.
Ter Salon ist das schönste, zugleich auch das gefährlichste Zimmer. Nicht bloß, well hier mll Mund und Augen am meisten geplaudert wird, sondern weil der Raum selber redet. Er verrät! am schnellsten die Leb«isauffassung der Bewohner, verrät, ob sie wählerisch zu sein vermögen bis zum äußerstem, oder ob für sie über die Schönheit eines Raumes das ausgewendete Geld, nicht der aufgewendete Geist und Geschmack entscheidet. Dieser Raum zeigt am deutlichsten, wie weit das geistige Niveau dessen, der ihn geschaffen hat. über der Durchschnlltsbildung steht. Ost findet man z. B. einen Reichtum, ja Luxus der Möbel, aber an Plastik oder Malerei ist nicht ein einziges künstlerisches Original zu entdecken. Kann aber Uebereinstimmung nicht ermöglicht werden, so sollte das Verhältnis lieber umgekehrt sein. Mit all den' heißen Bemühen um ästhetische Erziehung smd wir noch nicht so weit wie das Deutschland vor kaum hundert Jahren. Dort lebte selbst in der einfachsten Bürgerfamilie die Sechrsucht, die meistgeliebten Manschen in guten Bildnissen zu verewigen, und man legte sich Opfer auf, um diesen Wunsch verwirklichen zu können. Mit Recht galt solch ein Besitz fast als Zeuge für die geistige Kultur einer Familie, denn der Hunger nach Schönheit ist auch ein Blldungs, maßstab. Uns Menschen der Gegenwart kehrt nur langsam das Verständnis dafür zurück, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebt, sondern daß Kunst, daß Schönheit überhaupt Lebensbedürfnis sein kann.
Eine Art innerer Schönhell, ein gewisses Beherrschen und Darüberstehen ist es auch, was den Reiz richtig gestellter Möbel bildet. Schrank oder Tisch darf nicht als Einzelnes, ohne Zusammenhalt mll dem übrigen sein, sondern muß mit anderen Gegenständen, oder mit der Wand ein Ganzes ausnrach-en. Etwa durch ein Blld, dessen Form und Anordnung plötzlich Geschlossenheit in die scheinbare Willkür bringt. Tenn wie das Denken nach Komplexbildung strebt, so auch die Anschauung. Das modern geschulte Äuge liebt Gruppen und durchsichtigen Aufbau, wie der geschulte Intellekt, ja das Genie sich darllr bekundet, daß es überall Zusammenhänge entdeckt, daß es Welt und Leben zu einer geistigen Einheit verbindet. Die Synthese, das große Gesetz des Geisteslebens, ist der gemeinsame Grund von scheinbar Verschiedenstem: von der uralten Freude am System, vom Suchen des Menschen pach seinem Platz im Weltganzen jund — von der Befriedigung, die eine harmonisch geschlossene Möbelgruppe gewährt.
vermischte».
* D er Apotheken- Patriotismus in Frankreich. Nun sind auch die französischen Apotheker von der Epidemie des Kriegschauvinismus gepackt worden. In dieser Zeit der blinden Deuts cheniemdlichkeit sind die französischen Apotheker auch wirklich in einer besonders peinlichen Lage: man bedenke, daß die meisten, beliebtesten und unentbehrlichsten pharmazeutischen Erzeugnisse deutschen Ursprunges sind! Muß es einem patriotischen Pariser Apotheker nicht das Herz brechen, daß er gezwungen ist, sich solcherart mit Produkten zu beschäftigen, die sozusagen im Lande der Boches geboren wurden, Früchte der Geistesarbeit deutscher Gelehrter sind? Von diesen Erwägungen ausgehend, faßte die Pariser Apothekergilde sich nach langem Nachsinnen endlich ein Herz, um auch ihrerseits vor der Oeffentlichkeit das Bekenntnis ihrer schrankenlosen Franzosentreue, will heißen bis zur Unsinnigkeit gesteigerten Deutscheuseil,dschait, abzulegen. Die in Paris erscheinende „Ehronique pharmaceutique" bringt also den Vorschlag, die in Deutschland erfundenen oder gemischten Medikamente durch Abänderung ihrer
Namen in französische Endungen zu jener Würde und Löblichkeit zu erbeben, die sie dem französischen Bürger ihrer Meinung nach erst richtig genießbar machen soll, ohne daß ihm ein bitterer Nachgeschmack auf der Zunge zurückblerbt. „Was ist einfacher/ schreibt die geistig scheinbar völlig aus dem Gleichgewicht gekommene Redaktion des Apothekerblattes, „als die Endsilben dieser Medckamenten- namen, der Zeit entsprechend, auf echt französische Weise um- zuwandeln? Weg mit den Worten Veronal, Sulsomal, Helmitbol! Von nun ab sollen sie nur noch Verofrance, Sulfofrance, Helmi- ftance heißen l Dies soll genügen, um sie für unseren Gebrauch zu reinigen, und es wird nicht schwer sein, diese neuen Bezeichnungen dem Gedächtnis etnzuprägen und so in dre Aerzte- und Laienwelt einzubürgern" . . . Dieser weise Vorschlag ist das neueste Symptom einer psychologischen Erkrankung, die der Krieg in Frankreich hervorgerufen hat. ES ist ein Leiden, das nran sinngemäß als die Buchstabenepidemie bezeichnen könnte. Die Krankheit begann mit dem Buchstaben ,K". Nachdem eS den französischen Philologen geglückt war, festzustellen, daß die in Frankreich berühmt gewordenen deutschen Worte „Kultur" und „Kolossal" mit einem „K* beginnen, wurde diese Entdeckung von den Zeitungen, Schriftstellern, Revue- Verfassern, Brettlsängern nach allen Richtungen ausgebeutet. Schließlich kamen besonders pemltdje Patrioten auf den Einfall, daß man in den wenigen französischen Worten, in denen ein „K" vorkommt, dieses durch ein „QL" ersetzen müßte. Selbst bei den Nainen der berl'chmten französischen Generäle Kellermann und Klsber wollten diese Fanatiker sich nicht beruhigen. Nun werben auch die Endungen „al" und „ol" der pharmazeutischen Bezeichnungen auf den Index der Barbareien geschrieben, um durch „irance" ersetzt zu werden. Wahrhaftig, die Franzosen scheinen wirklich stärkender Medizin zn bebürfei, ! -
vüchertlsch.
— Die Septemberschlacht 1916 in der Champagne bildete einen der bedeutsamsten Abschnitte in dem zähen Ringen an der West-, front, das in dem gsgenwärtigen Kampf um Verdun offenbar seinem Höhepunkt entgegengeht. Wie ein als Kvmvagnieführer mitten im Schlacytgetösc stehender Kunstmaler diese grandiosen Kämpie gesehen hat, geben drei in der neuesten Nummer 3795 (Kriegsuunv, mer 86) der Leipziger Illustrierten Zeitung" (Verlag I. I. Weber) farbig reproduzierte Momentbilder wieder, die der Urhcker uirmittelbar unter dem Eindruck de- gewaltigen Geschehens gemalt hat. Einen trotz ausgiebiger Vorbereitung mit tagelairgem Trommelfeuer glänzend abgeschlagenen französischen Sturmangriff schildert, ebenfalls auf Grund eigenen Erlebens, ein unter dem Decknamen Hans Horsten schreibender deutscher Major in einer packenden Plauderei „Zwischen den feindlichen Gräben". Der Zeichner Fritz Grotemeyer bringt reizvolle Motive von: Kriegsschauplatz in Flandern, Josef Correggio aus Russisch- Polen. Richard Asgnann, der den serbischen Fesdzng mitgemacht hat, führt uns eine Szene aus den Straßenkämpfen in Belgrad vor, Albert Gartmann, der gsgenwärtig als Sonderzeichner in Maze^ donien weilt, ist mll einem eindrucksvollen Bilde vom Babuuapaß,' sowie mit Genreskizzen aus Sosia vertreten. Felll Schwormstädt verrät seine Mjeistersck>aft in einer lebendigen Zeichnung „Auf dem Gefechtsverbandsplatz eines Linienschiffes". Auf allgemeines Interesse dürfen auch fünf farbig wiedergegebene Kriegsbildcr nach Gemälden der Prinzessin Mathilde, der Schwester des Königs von Sachsen, rechnen. Kurt Hassenkamp zeigt ein deutsches Unterseeboot im Kampf mit einem bewaffneten feindlichen Handels- oampfer. Zum Wechsel in der Leitung des ReichsmarineamtS nimmt Kontreadmiral z. D. Schlieper in einem Artikel Stellung, der mit vorzüglichen Porträten von Tirpitz und Cchielle ausge- stattet ist. Dem zehnjährigen Bestehen des Kaiserin Friedrich- HauseS in Berlin ist ein illustrierter Bellrag gewidmet. Die historischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Balkan würdigt Professor Dr. Felix Rachfahl. Wie es „unter der Front" aussieht, d.h. bei den Minierern, schildert fesselnd Oberleutnant Hans Schoenfeld. Eine anziehende Novelle vo« Berta Freifrau von der Goltz, in der der Austausch der Schwerverwundeten mit feinem Emzfnden behandelt wird, v« vollständigt den re chen Inhalt) der neuen Nummer. -
Zahlenratsel.
128456789 10 10 Deutscher Osterwunsch.
2 6 10 2 Ein Vogel.
8 6 7 7 10 9 4 Feindliches Land.
4 8 2 7 4 2 6 Stadt in Deutschland.
6 3 6 2 Ein Gefäß.
8 2 8 1 2 6 Körperorgane.
7 2 4 9 6 Französische Stadt.
8 9 7 9 6 Ein Vogel.
93426626 Ein Gebirge.
10 5 6 9 Eine Göttin.
10 9 b 7 Ein Ungeziefer sL 8.) (AuflZn nächst. 0k.)
Auflösung der Königspromenade iit voriger Nummer r Wie rühm' ich diese beste Welt von allen?
So rühm' ich sie, daß sie erschaffen sei So schlecht als möglich, ohne zu zerfallen;
Um ein Haar schlechter, und sie ging entzwei. Rückert.
Schnstleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck »nb Verlag der Bruhllchen UniversitätS-Buch- und Steiudruckerei. R. Lange, Gießen.


