Ausgabe 
30.3.1916
 
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fctutdj den Krieg entstanden. Das beweisen die vorhandenen Ostungen unserer Ranmkünstler. Aber die hohe, innere Bedeutung dieser Bewegung ist noch viel zu wenig ins Mg em ein bewußt sein, yedrungen, der Einfluß der Umgebung auf die Seele des Menschen ist bei uns noch viel zu wenig gewürdigt und vielleicht wird erst der Krieg es vermögen, diese Würdigung durchgusetzen. Krieg bedeutet ja nicht bloß Errtbehrungen des Leibes, sondern auch der Seele. Mit eurem wahren Hunger nach Stille. Einfachheit, Harmonie und Schönheit werden Tausende in ihr Heim zurückkehren, und dies ge­liebte dies bedrohte, dies gerettete Heim vor allem wird es sein,

f lhre Sehiisuchit zu stillen berufen ist. Vermag es das? Sind unsere Wohnräume erfüllt von jenem schlichten, kraftvollen und vornehmen Geist, von jener Selbstverständlichkeit des Zweck­mäßigen, von iener Liebe zu deutscher Art, selbst wenn sie Eigenart , me unserer Heimkehoenden würdig genug wäre?

Ein gesteigerles^Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit sollte ^ in Zukunft unmöglich machen, einem fremden Land beherrschen­dem Eiiifluß auf die Ausgestaltung unseres Heimes zu gewähren. Aber nicht genug damit. Es muß auch bei uns wieder die Zeit kommen, wo nicht der ,,Dekorateur" unsere Norm verkörpert Und unser künstlerisches Gewissen. Mich in dieser inneren Frage dürfte das Motto lauten: nach Osten! In Teppichen, Stoffen, Schmuck und Kleidern fügen nur uns willig orientalischein Ein- flnß. Aber,wenige halten es für wert, darüber nachzudenkeü,

' £; an wrr nicht nwhr dasselbe Feingefühl für Farben und Linien, ftir Gleichgewicht und Rhythmus besitzen, ivie sie z. B. die Sticke- ^ren einfacher, anatolischer Frauen bekunden. Hier gilt es vom Osten zu lernen, nicht bloß von der äußeren Erscheinung seiner Kunst uns anregen zu lassen. Es muß wieder die Zeit kommen, wo auch bei uns der ante Geschmack und damit die Sicherheit und der Mut zum selbständigen Wählen ein Allgemeinbesitz wird: wo es als Selbstverständlichkeit gelten wird, seine Wohnung sich selber anzupassen, der Besonderheit der äußeren Erscheinung, der Eigenart seines geistigen Wesens. Es darf jene innere Zu- sammengehörrgkeit nicht fehlen, die besteht, wenn beide, Menschen Und Möbel, Kinder einer Zeit sind. Das hohe Lied der Gegen­wartsliebe, wo wird es heute schon hell genug gesungen? Der ^^sl^rischen Gegenwart! Ich spreche nicht von jenem kritiklosen Anbeten des ' Nochniedagewesenen, von jenem tradi- nonslosen Verhimmeln des Heute. Doch- wenn gerade die Stillen und Rerfen. sich dem Gestalten unserer Tage entziehen, woher soll es dann MgeWrtheit nehnien? Richtige Geschmackspflege wird aber zur Quelle feinster Freuden und damit zu einer Lebens- sorderung uitb* Erhöhung: sie kann zu tieferer Gesiltting erziehen, ste kann so nationale Pflicht und Vaterlands dien st werden.

Ter niodernc Stil braucht Nachdenken und will nicht von. außeii her betrachtet werden. Das altestirb und werde" läßt si-w! atich hier verfolgen und ein verloren gegangener Instinkt will als bewußte Anwendung ästhetischer Gesetze Auferstehung i^l.crn. Der Grundgedanke der neuen Wohuungskunst ist die Zweck­mäßigkeit in weitcsteni Sinne geirau wie bei deni konstruktiven Ausbau des Einzelmöbels, -ohne daß die Zivecknotwendigkeit in L?l.Ealr!trsches N u r - Zweckmäßiges zu versinken braucht. Jmmvr bleibt der Mensch Zweck und damit Hauptsache, und dies egozcn- ttische System ward die Kraft haben, alle Räume, ob sie der Ruhe, -vvvr* ^der der Erholung dienen, zu einer Einheit zusammen zuschließen.

Man denke sich etwa ein Schlafzimmer, jenen Raum, der dem am frühesten das zielbewnßte Einrichten sich durchgesetzt hat. Hier muß absolute Ruhe herrschen und zlvar nicht bloß für das Ohr. Kerne phantastischen Tapeten, deren Linienwirr­warr bis in die Träume hinein grinst. Höchstens ein einfachs- bnntes Blumenmuster, dessen warmer Grund ,'anst überleitet zu der Heiterkeit weißer Möbel. Möbel mit stillen Formen, mit aus­geglichenen Verhältnissen, ohne Kanten und Ecken. Keine Stoff­mud Dragieruiigsorgien an Tür und Fenster. Licht und Luft sollen überall Zntntt haben. Helle Vorhänge seien da aus hartem Ge­webe, lang, herabfallend-, dahinter ein schwerer Tiefblauer, der aufgerollt wird mit dem Mantel der Nacht draußen und die dunkle Note und Ergänzung zu diesen! tickten, ruhevollen Lied gibt. Ein ernzrgcs Bild in schmalem Rahmen! Es werde aber nicht bloß verwendet als Farbfleck oder Raumgröße, sondern seine Einsam­keit muß gerechtfertigt erscheinen durch künstlerische Bedeutung und Inhalt, es must ein seelisches Erlebnis des Bewohners ver­raten und damit die Beziehung zu diesem als das Letzte und Wohltuendste des ganzen Raumes empfinden lassen.

Nicht jedes Zimmer verlangt solche Zurückhaltung, obwohl ein Zuvrel an Kunstgegenstanden, Bildern, Nippsachen und Möbeln Uiw letzt noch weiiiger vornehm erscheinen wird als früher. Auch ist der moderne Mensch fthr sensibel für Massenemdrücke geworden und eine Hausung der Werte schlägt leicht über in eine Vermint deruim der Genußfähigkeit. Wenn aber irgend ein Ort, so soll dm- Zuhause wieder die Insel der Seligen" für den gehetzten heute werden,. die Zuflucht, wo sich der Wider«

rlÄ mLÄ etliei i K^^bbens zwischen Erziehung zu mög­lichster Gleichheit und höchster Einzelrudividualität löst.

Tiefes glückliche Geborgensein imrd sich in einem gut ein- gerrchteten Wohn- oder Arbeitszimmer bAnürs geltend ^ spüren: hier wird gearbeitet, hier wird abei auch ans Leben und Arbeit Genuß gezogen. Das ist eine

Errungenschaft, so selbstverstärrdlich es klingt: denn arbeiten haben wir gelernt, aber genießen, schön, ruhig und bewußt genießend Man drängte nur vorwärts underledigte". Man scheute sich eine Minute zu verlieren und versäumte dabei das Leben. Auch hier werden wir durch den Krieg lernen. Bestätigt hat er uns die Notwendigkeit höchster Kraftanspanming und höchster Arbeits­leistung. Aber zurückrufen wird er uns von einem Weg des Ha,tens und Setzens, des Amerikanismus, des Aufgehens in Ge­schäft, Umtrieb und Arbeit. Wir werden wieder mehr nach Stun­den der Selbstbesinnung verlangen, nach Mitteln, um uns und der kommenden Generation nicht nur materielle Werte, sondern klare freudige und gefestigte Menschen zu geben. In solch ein Arbeits­zimmer gehören feste, entschiedene Möbel, die sicher aus den Füßen stehen, ohne sich deshalb ins Plumpe zu verlieren. Ms Grund­farbe herrsche etwa das wohltuende, gedämpfte Grün. Tie Stim­mung wird noch vertieft durch dunkles, charaktervolles Holz, das ui ferner Verarbeitung die Schönheit des' eigenen Materials ohne sremden Schmuck und Ueberslüssiges zur Geltung bringt. Ein fröhlicher Farbfleck, vielleicht eine kräftig grüne Divandccke, nimmt die Gefahr des Niederdrückenden, Düsteren. Ein buntgemustertes r Vi eTl? Allerlei daraus, und Ernst und Heiterkeit wird in einem solchen Raum harmonisch ineinanderklingen.

Besondere Sorgfalt muß wie immer der Wahl der Tapete zu gewandt werden. Sie soll so selbstverständlich ttiirken, daß sie , -IP? üepierkt zu werden. Hier das Richtige zu treffen, bleibt herkcl wie das Räalen eines guten Porträthintergrnnds oder der Kwuf eines neuen Hutes. Immer ist ein Stückchen Gluck und Zufall dabei. Die Klarheit und Ordnung, die das Lebenselement jeder Arbeit bildet, soll auch die Austeilung der vertikalen Fläche beeinflussen. Die Bilder seien nicht etwa staffel­weise aufgehängt, sondern ein Wechsel von Verlangen und Er­füllung biete sich in der Verteilung der Schwerpuntte, ein groß­zügiger, klarer Rhythmus gehe über Möbel und Bilder und ver­bürge sich mit dem Gedanken an hm-monisches Vorwärtsschreiten, dem das^Arbeitszimmer geweiht ist.

Eine lustvolle und damit das Wohlsein fördernde Umgebung ist vor allem auch fiir das Eßzimmer geboten, wenngleich seine Bestimmung em anderes Gepräge heischt als der Arbeitsrauni. Der große, runde Tisch mit beguemen Stühlen stehe behäbig und einladend da als Mittelpunkt, dessen Alleinherrschaft höchstens ou^'ch eilt gemütliches kleines Kaffeeeckchen gemildert werden darf. Da?, ^tto heiße hier: appetitlich! Darum keine allzu dunklen Mobei, keine düsteren Stoffe. Etwa ein graues matt glänzendes Holz, dessen Kühle das Element der Sauberkeit im Raum uoch verstärke Dazu müßten satte, orangefarbene Bezüge mit ein wenig schwarz wundervoll stimmen. Und welch' kösllicher Fries ,ollte dies Zimmer schmücken? Ein Kranz von sommerlich nach­denklichen Landschaften oder schöner noch: Büfett und sonstige Möbel, die eng an die Wand gerückt sind, mögen mit derselben zu eineni organischen Ganzen verbunden werden durch Einteiliing der Wände in Felder. In diesen aber blühe die Märchenwelt unserer Kindertage ans. Abenteuerlich schimmernde Vogel, icltfame Blumen und Früchte sieht man da, und feine Ornamente und Linien ziehen sich hindurch wie SchlinggewäcUe au> alten Waldbäumen. Eine geistreiche Stilisierung mit ihrer gesetzmäßigen Wiederholung würde die künstlerische Wirkung stei­gern. Denn nur jene Naturformen, die durch den menschlichen Geist ui Maß und Rhythmus gebannt ivurden, werden uns auf Dauer nicht langweilig. Je höher die Zeichnung hinan; gebt, desto lichter und leichter muß sic werden, bis sie ein gutes Stück unterhalb der Decke mit einem energischen Abschluß ganz dem V.ees; der Wand weicht. llmspielt wird dies alles von goldenem Sonnenlicht, denu das einzige, sehr breite Fenster ist nur ver­schleiert, Nicht verfinstert. Und stände noch ans seinem Sims eiu * Reche farbiger Hyazinthen in gleichartigen hohen Gläsern, wahrlich, dann liege sich in diesem Zimmer fröhlich und behaglich

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uus auf, der int Hause der Geselligkeit und geistigen! Erholung vorbehallen ist. Er sei aber ja nicht jene berüchtigte -chute Stube" unserer Großmutter, die so selten wie dasgute Schwarzseidene" benützt wurde und so steif, kalt und feierlich war wie dieses. Er werde wirklich bewohnt: und die Stiminung, die über seinen Linien und Farben, über der Verteilung seiner Lichter und schatten, seiner Kunstwerke und Kostbarkeiten liegt, erzähle von seltenster Geschmacks Pflege und von einer Persönlichkeit, die Feste zu feiern versteht nicht bloß, meint der Kalender sie an. gibt, sondern wenn Talent, Liebenswürdigkeit und Geist das Zusammensein znm Feste gestalten. Schon der Raunt an sich der rm Gegensatz znm Eßzimmer vielerlei Sitze, Nischen und Blander eckchen enthalten soll, muß in seinen Verhältnissen aufs feinste abgewogen sein Hat doch die experimentelle Psychologie fest- Usteltt, daß das Auge gerade für Proportionen besonders emp ftndlick is.. Wie für ledes Zimmer, suche man auch hier zuerst eme Grundfarbe, deren Gefühlsbegleittmg zusammeugehe mit dem "wem deo Raumes. Fast, unbegrenzt läßt sich dann dies Haupt motiv m Variationen ausschuueu. und schließlich bleibt nixi; die Ueberr-afchung der Komplementärfarbe für eine Vase. Stublbezug oder Lampenschirm ausgespart. Alles muß ausprvbierk. abge ändert und irneder ausempfunden iverden, bis es dastebt als eine innere Befriedigung für den zmu künstlerischen Sck-anen Erzogenen