Montag, den 5. April
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Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.'»
(Fortsetzung.)
Der Besuch der 'Bibliothek schloß den Rundgang ab. Sie .nahm drei große Zimmer des Erdgeschosses ein, in Venen an zwanzigtausend Bände untergebracht worden waren; weitere Tausende sollten nach Meldung von Beyfuß noch in Kisten verpackt auf dem Boden stehen, sie hatten hier unten keinen Platz mehr gefunden. Und dann ging es immer weiter hinab, iu das Souterrain. Da mußte Frau Beyfuß die Laterne anzünden, die sie bei sich trug, und Annemarie begann in oer kühlen Luft zu frösteln. Bolko rief ihr 31 t, sie möge vor dem Portale warten, aber das wollte sie nicht: dazu war sie zu neugierig. Denn auch hier unten war es interessant: große Gewölbe taten sich auf, eine Küche von riesigen Dimensionen, ganze Fluchten von Kellern mit eisernen Wandregalen, mächtige:: Schränken und eingeinauerten Kesseln, dann wieder Zimmer für die niedere Dienerschaft und heizbare Vorratsräume — und endlich blieb Beyfuß vor einer ersenbeschlagenen Türe stehen.
„Die Weinkeller," sagte er, nicht ohne Feierlichkeit im Ton; dazu hatte er selbst die Schlüssel; „Euer Durchlaucht zu Gnaden; auch bis hierher wollte die Administration Vordringen. Der Weinkeller ist abgeschätzt worden, es war eine hohe Summe, auf die man ihn Laxiert hat, uud es sind einige Sorten darunter, die sollen geradezu Raritäten sein. Da meinte der Rentmeister, es sei eine Verauktionie- rung des Weinbestandes das Zweckmäßigste. Da aber, Euer Durchlaucht zu Gnaden, trat ich dazwischen. Ich habe mich auf die alten fideikommissarischen Urkunden berufe::, und da heißt es, die Weinkellereien sind geradeso wie die Bibliothek Majoratsbesitz, und es gibt nichts zu versteigern und zu verkaufen. So blieb es denn, und ich konnte wenigstens den Weinkeller retten. Durchlaucht, es liegt alles noch geradeso da, wie es beim Tode des hochseligen gnädigen Herrn gewesen ist. Nur zwischen den: Ungarwein ist eine kleine Lücke entstanden; da hat sich die Madame zuweilen eine Flasche erbeten, wenn Seine Durchlaucht, der Prinz Jost, einmal etwas Kräftigendes gebrauchten."
Bolko nickte mit finsterem Gesucht. „Beyfuß, das ist selbstverständlich, ich brauche es kaum erst zu sagen: was drüben gebraucht wird, steht ohne weiteres zur Verfügung. Ich will nicht, daß da gedarbt wird, während ..." Er verschluckte den Nachsatz, er war ärgerlichund befahl mit harter Stin:me, den Keller zu öffnen.
Man stieg ein paar Stufen hinab und trat zunächst in eine kleine Trinkstube mit hoher Kreuzwölbung und lustigen bunten Schildereien an den Wänden, allerhand bacchische Szenen darstellend. Auf dem Gesims der Täfelung standen Pokale, Gläser und zinnerne Humpen,. Tische und Stühle
aus festem Eichenholz unter dem schräg in das starke Mauerwerk eingelassenen, eisenvergitterten Fenster. Ein paar Bücher lagen auf einem pultartigen Gestell, schwere Foliobände mit kunstvollen Beschlägen und Krammen, das eine das Weinverzeichnis, das andere eine Art Fremdenbuch, in das sich die Gäste, die hier mit dem Schloßherrn geprobt hatten, einzutraaen vflegteu Bolko warf einen Blick in dies eigentümliche Gastbuch; es ging weit zurück; 1701 hatte es ein Markgraf Ludovicus Brandendurgiensis mit dem Spruche „Hie ist gutt seyn" eröffnet. Bekannte Namen aus der preußischen Geschichte tauchten in diesem Kneip- büchlein auf, deren Träger in den Manövern, zu Kriegszeiten und bei Jagdbesuchen ihrer Fürsten im Schloß gewohnt hatten: die Grafen Kolbe-Wartenberg, Dohna, Finckenstein, die Minister Ilgen und Marschall, „maitre de plaisir“ von Besser, der „Grand maitre de la garderobe“ von Kainecke; da standen ferner die Unterschriften eines „prince Thurn-Taxis" und des Lord Marishal Gg. Keith, der zierliche Namenszug des Baron de Pöllnitz, daneben in derber Handschrift „Quintus Jcilius, Obrist"'. 1776 hatte sich der Großfürst Paul von Rußland eingetragen, der auf der Reise von Petersburg nach Berlin in Gottcrnegg übernachtet hatte, und am 18. Julius desselben Jahres „Henri prince de Prusse“, der den: Großfürsten entgegengereist war. Ein Graf zu Neuwied stand neben zwei Stolbergs, darunter der einfache Name „Wöllner", und wieder kan: ein Finckenstein (wohl der vielgenannte Freund der Rahel) mit dein Grafen Hoym, dem Vizekönig von Schlesien. Berühmtere Namen folgten: Blücher, Pflug, Prinz Louis Ferdinand mit dem Permerk ,.OId finest Port Wine, das Best was sein"; 1838 hatte sich eine große Jagdgesellschaft eingetragen, und dann kan: die neuere Zeit mit einem königlichen Herrn, mehreren Prinzen und zahlreichen Generälen und Hofchargen. Es war ein vollständiges Autographenalbum, es legte auch Zeugnis davon ab, in welchen Ehren die weinfrohen alten Gottermeggs bei ihren Landesherren gestanden hatten.
Inzwischen hatte Beyfuß die weiteren Keller geöffnet, und Annemarie sprang wieder voran. In drei hohen Gewölben lagen Tausende von Flaschen wohlgeordnet auf eisernen Gestellen, im letzten Keller auch ernige Fässer. Ein eigenartig schwer betäubender Odem zog durch diese Räume. „Uuuy," ries Annemarie, „hier wird man ja von der Luft bekneipt!..." Bolko schüttelte den Kopf; er war vor dem Champagner stehen geblieben und las einzelne Etiketten, Marken, die so aut w:e verschollen waren und die man kaum noch kannte, neben erlesenen Seltenheiten neuerer Zeit, wie den vierundachtziger Pomery, dem Clicquot doux vom gleichen Jahre unö den dreiundachtziger Cuvöe des Hauses Roederer. Dann lachte Bolko. „Beyfuß, ich taxier^ wir sind zu solide gewesen," sagte er; „dahier wird mancher Schaum nicht medr schäumen wollen, es wird Zeit, daß mau im Schlosse wieder t>en Becher schwkngtt , . ." Er giuH weiter. Bei den Bordeaux standen Namen und Jahrgänge


