Lurück zur Scholle.
Romcm von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Cäcilie holte das Märchenbuch heran, und jetzt mußte Hedwig lesen. Sie schlug aufs Geratewohl auf und begann, ohne reckt nach der Ueberschrift zu sehen. Erst beim dritten Satz merkte sie, daß es eine lustige Geschichte war. Aber sie stockte nur einen Augenblick, überwand sich und las werter. Der kleine Günther stellte sofort das äugeln ein und lauschte. Hedwig strich ihm leise über die blonden Locken und las munter weiter. ES war nämlich das schnurrige Märchen von dem Fischer und seiner Frau, an das sie geraten war.
Plötzlich, in der tiefsten Andacht, als die unzufriedene Fischersfrau schon auf dem Königsthrone saß, sprang der kleine Günther auf und lief davon, auf die Gartenpforte zu. Und wie konnte der Junge laufen!
„Abraham!" jauchzte er.
Und da lvar der Gerufene auch schon. Er jog vor dem kleinen Herrn Baron höflich die Mütze und nahm die Reisetasche vom Rücken. Und nun begann ein Spiel, das immer damit endete, daß der kleine Günther aus irgend einer Erbe der Tasche einen Apfel oder ein paar Nüsse oder auch einige Zuckerkuchen aunröberte. Diesmal war's ein Apfel mit schönen roten Backen. Und das kam alle Docken mindestens einmal vor. Denn der alte Abraham hatte allen Grund, sick mit dem kleinen Günther in ein gutes Verhältnis zu bringen. Und wenn man den Jungen reckt ansah, so war er gar nicht mehr so klein. Jubelnd vor Freude sprang er mir dem Apfel zur Tanre Hednxg. Der atte Abraham folgte langsamer.
„Nu, Fräuleinchen!" sprach er. „Die geht's, wie steht's? Das macht die Gesundheit, unberufen^
„Tankes erwiderte sie.
„Und der kleine Herr Baron?" fragte er schnell. „Wie steht's mit dem Appetit?'
r;e sehen's ja!" lächelte sie und wies aus Günther, der die Hälfte des Apfels schon bezwungen hatte, und keine Lust zeigte, seiner Schwester ein Stück abzugeben.
„Gib ihr dock ein Stückchen!" half Hedwig betteln.
Ta ließ er sich endlich erweichen. Aber sie durfte nur einmal abbeißen.
„Er gibt nicht gerne!" meinte der alte Abraham und sah ihn sich schräg von der Seite an.
„Er wird's noch lernen!" tröstete ihn Hedwig.
„Nu freilich!" ärmere der alte Abraham auf. „Denn Sie nicht da wären, Fräuleinchen, da hart ich's nicht gewagt. Aber nun passen Sie auch weiter gut aus. Lallen Sie ihn nicht auf die Bäume llettern. In Birsckkowitz ist gestern erst ein Junge herantergesallen und har sich den Arm gebrochen. Die leicht harre er sich das Genick brechen können! Und wo
bleib ich dann vielleicht? Nu, Sie werden's schon gut machen! Adieus
Hedwig reichte ihm die Hand und sah ihm lächelnd nach. Tann las sie weiter. Günther warf das abgenagte Kernhaus fort und horchte wieder, denn diese Geschichte mochte er.
XXX.
Und Moritz Gaffel lehrte die Kindlein von Kletzine. Sein Widerwillen gegen diese unfruchtbare Schularbeit wuchs mit jedem Tage. Und doch bezwang er sich und zog den schweren Pflug weiter durch das sandige Lund. In der Freizeit war er nicht müßig. Zunächst suchte er die verderbliche Nachbarschaft zwischen Pumpe und Bedürfnisanstalt zu vernichten. Aber seine Vorstellungen bei dem Schulvorstand fruchteten nichts. Bis der Prozeß entschieden wäre, würden sie auch keinen Pfennig für das Schulgrundstück hergeben. Moritz Gaffel blieb nichts anderes übrig, als den Pumpenschwengel abzuschrauben, um die Kinder vor diesem gesundheitschädlichen Trank zu bewahren. Er selbst litt unter dieser Maßnahme am meisten, denn er hatte zum Nachbarbrunnen zweihundert- achtunddreißig Schritte. Und die lieben Nachbarn sahen ihn dazu mir schreien Augen an, wenn er am Morgen seine Wasserkanne füllen kam.
Die lange der Prozeß schon dauerte, konnte er nicht Herauskriegen, denn selbst die ältesten Leute von Kletzine vermochten sich nicht an den Anfang dieser Streitsache zu erinnern. Und wann die letzte Entscheidung getrosten werden würde, war noch immer nicht abzusehen, obschon in dieser Angelegenheit Akten von Zentnerschwere versaßt worden sein sollten. Erst stritten sich Dorf und Regierung, dann klagte die Gemeinde gegen den Herrn Patron, der im Nachbardorf seinen Wohnsitz hatte und keinen roten Heller für den Schulbau m Kletzine geben wollte, dann mstchre sich wieder die Regierung ein, die sich prinzipiell für einen staatlichen Zuschuß entschieden hatte, und nun sielen Dorfgemeinde und Regierung mir vereinten Kräften über den sauberen Herrn Patron her, der noch immer mit beneidenswerter Hartnäckigkeit den Daumen aus der Tasche hielt. Dre Prozeßkosten waren schon so hock angeichwollen, daß man drei ^ckulhäu'er in Kletzine hätte bauen können. Aber man zog es gllseing vor. erst* auszumachen, aus welcher Seite das größere Recht wäre, nichts zu dem Neubau zu geben oder doch möglichst wenig. Unterdessen fraß der Schwamm den Dielenboden und der Regen die Dachbalken.
Moritz Gassel griff in seine eigene schmale Tasche, schasste sich Kalk, Ziegelsteine, Flachwerk und Bretter. Lehm und Tackreiter herbei und spielte acht Tage lang Maurer. Die Bauern lachten ihn aus. Der sollte ihm die Auslagen ersetzen? Aber die Kinder halfen ihm dabei. Soweit batte er sie schon. Die Löcher des Daches wurden zugeslickr, dia Rundziegeln des Firstes ergänzt, die Lücken der Fackwerk- wände mir Lehm verputzt und eine dünne Schicht weißglän- zenden Kalkes darübergestrichen. Nachdem die Außenhaut des Schulhauses in dieser Weise verbessert worden war, wur-


