Ausgabe 
7.8.1915
 
Einzelbild herunterladen

482

den die Jnnenräume in Angriff genommen. Sechs Dielen­bretter aus der Wetterecke der Schulstube wurden zu Feuer­holz gehackt und durch neue erseht. Sogar an die Fenster wagte sich Moritz Gassel, riß die Nägel heraus, daß man die Flügel öffnen konnte, und stärkte ihre Gebrechlichkeit durch' sehr viel eiserne Winkel und Bänder.

Inzwischen war die Zeit gekommen, daß er sich zur Prüfung nrelden mußte. Und der Teufel ritt ihn, daß er kein anderes Seminar wählte, sondern eben dasselbe, in dem er seine Ausbildung empfangen und wo er zum ersten Male durchgefallen war. Als päoagogischen Aufsatz legte er eine alte Arbeit ,'lieber die Wiederholung" bei. Sie war nicht sehr geistreich, aber unbedeutend genug, eine gute Zensur zu erhalten. Seine Lehrbücher sah er nicht mit einem Blicke an. Was er sich voriges Jahr mit heißem Be.mühen eingeprägt hatte, war ihm zum größten Teil längst entfalten.

Es war ein Leichtsinn, in dieser Verfassung hum Examen zu gehen, aber Moritz Gassel befand sich, seitdem er in Kletzine amtierte, in einem Zustand der inneren Verzweif­lung. Er brauchte so etwas wie ein Orakel. Und das sollte ihm die Prüfung sein. Bestand er sie, wollte er weiter de:r pädagogischen Karren ziehen, siel er zum zweiten Male durch, dann wollte er für immer ausspannen.

Und er ging zur Prüfung und bestand. Er lachte heimlich über diese Komödie; denn die Examinatoren hatten geschwind heraus, daß er nichts wußte, und wur­den mit ihren Fragen immer vorsichtiger. Zuletzt be­gnügten sie sich damit, wenn er zwischen Ja und Nein! das Richtige wählte. Der Herr Schulrat mit den weißen Haaren und den freundlichen Augen führte wieder den Vorsitz und hatte gegen diese Praxis bei Moritz Gassel nichts einzuwenden. Er s o l l«t e durchkommen, das war vorher ausgemacht worden, und so mußte er durchkom­men, auch wenn er sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt hätte.

Und im innersten Winkel seines Herzens saß ein Gefühl, das ihn daran verhinderte, sich über sein unerwartetes! Prüfungsglück zu freuen. Aber er dachte an Britzkawe und ging sofort zum Schulrat, um ihn daran zu erinnern.

Ich habe Ihnen nicht versprochen," sagte der vorsichtig, daß Sie wieder nach Britzkawe zurückversetzt werden. Ich habe nur versprochen, daß ich alles versuchen will, Sie wieder dahin zurückzubringen. Sie befinden sich in einem Irrtum, wenn Sie glauben, ich sei allmächtig."

Das heißt also!" ries Moritz Gassel aufgeregt,ich werde nicht nach Britzkawe zurückversetzt werden."

Machen Sie ein Gesuch an die Königliche Regie­rung!" wich der alte Schulrat dieser gefährlichen Frage aus.Gehen Sie nach Kletzine zurück, tun Sie weiterhin Ihre Pflicht und warten Sie in Geduld."

Und Moritz Gassel schickte ein Gesuch ab und wartete. Die großen Ferien benutzte er dazu, seinen Wohnraum frisch zu weißen, die Decke abzuputzen und einen blauen, sauberen Strich rundherum zu ziehen. Den Hausflur pflasterte er frisch, und die Bodentreppe bekam eine Ver­schalung.

-^r Herbst rückte heran, der erste Schnee fiel, die Wechnachtsferien mit ihren kurzen, müden Tagen vergingen. Glücklich schlug sich Moritz Gassel durch den Winter, der sehr hart war. Die Freizeit verbrachte er im Schulzimmer, das einen eisernen Ofen hatte. Der Kamin im Hausflur, der das Wohnzimmer wärmen sollte, war nicht zu ge­brauchen, sonst wurde das Schulhaus, 'das nur für den fluchtigen Blick ein reizendes, sauberes Aussehen hatte, in wenigen Augenblicken in eine Räucherkammer umgewandelt Aber es wurde wieder Frühling, zeitiger als sonst Die gelbe, warme Märzsonne lockte Veilchen und Gänseblümchen hervor, die Stare schwatzten, und die beiden verkrüppelten Pflaumbaume und der Birkenbusch begannen auszuschlagen.

. Und nun kam der Tag, an dein Moritz Gassel ein Licht ausging, daß er nicht länger Lehrer sein könnte.

Der denkwürdige Prozeß um den Schulneubau war Um diese Zeit einen langen Schritt vorwärts gerückt. Man h^restch, um die Sache endlich aus der Welt zu schaffen, entschlossen, eine Kommission von drei Sachverständigen unter Führung eines Regierungs'baumeisters abzuschicken, ' lm *V\P xt ^'d Stelle zu untersuchen, ob das Schulhaus iii Kletzine wirklich so baubedürstig sei, wie von seiten des Kreisschulinipektors fortwährend berichtet würde. Während ^Zjels einjähriger Amtszeit hatte sich dieser Herr, dem das Wohl seiner Lehrer iitnig ani Herzeil lag, nicht in

Kletzine sehen lassen. Dafür schloß er sich jetzt der Konv- Mission an. Im Dorfe nahmen sie den Schulvorstand niit.

Als der Regiernngsbaumeister vor dem Schulhaus stand, das Moritz Gassel so sauber herausgeputzt hatte, sagte er ziierst gar nichts. Sah so ein baufälliges Gebäude aus! Er faßte sofort ein. Mißtrauen gegen de'u Kreisschulinspektor, der mit seinen ewigen Bauplänen die hohe Negierung schon so oft geärgert hatte, und nahm mit innerer Genugtuung auch von dem vorzügttcheu Aussehen der Jnnenräume Notiz. Nur die lvackligen Schulbänke mußten erneuert werden. Sonst war altes in schönster Ordnung. Das Haus konnte noch fünfzig Jahre seinen edlen Zwecken dienen. Daß aber unter Moritz Gassels mitleidiger Lehmschicht angefaulte Bal­len sich befanden, sah er nicht. Der Kreisschulinspektor zog eili langes Gesicht. Er hatte dem Schulvorstand extra ver­boten, etlvas an dem Hause in Ordnung bringen zu lassen. Auch vom Hausschwamm war nichts zu entdecken, obwohl er unter den sechs neuen Dielenbrettern schon wieder munter minierte.

Es riecht ettvas muffig!" konstatierte der Baunreister. Das liegt aber an der schlechten Lüftung."

Seine beiden Assistenten nickten Beifall, der Schulvor­stand beharrte auf der Kletziner Maulfaulheit und sagte gar nichts, und der Kreisschulinspektor mußte sich mit seinen Berichten von der Baufätligkeit und Unbewohnbarkeit des Kletziner Schulhauses zurückziehen. Er ließ die Kommission vorangehen, und nahm sich im Hausflur den Schulvorstand vor.

Wir haben das nicht gemacht!" verteidigte sich der Schulze.Das ist unser neuer Lehrer gewesen."

Und in eben diesem Augenblicke kehrte der arglose Moritz Gassel von seinem Spaziergange heim. Der Kreisschulinspek­tor schoß auf ihn los wie ein Habicht.

Herr!" donnerte er ihn an.Wie können Sie sich unterstehen, hier an einem öffentlichen Gebäude Bauarbeiten vorzunehmen, ohne die Genehmigung Ihrer Vorgesetzten Behörde?"

Und jetzt riß Moritz Gassel die Geduld. Das war ihm doch zu starker Tabak!

Weil ich keine Lust habe!" schrie er den Kreisschul- Inspektor in demselben Tone an.Weil ich keine Lust habe, in einem Schweinestalt zu wohnen!"

(Schluß folgt.)

Serien.

Von W i l h e l m S ch a r r e l m a n n.

Es waren wunderbare Tage gewesen, von Sonne durchglüht, von Sensenrauschen und Ernteglanz erfüllt, von segelnden, weißen Wolken überglänzt, von nächtlichen Gewittern mit lohenden Blitzen und plötzlich herabrauschenden Regengüssen unterbrochen, von späten Sommerabenden verklärt, von weichen Winden zur Ruhe gewiegt eine selige, sonuendurchleuchtete Zeit, die die Haut bräunte und das Herz in verhaltener Sehnsucht schwellen ließ.

Auf den Feldern standen noch die Roggenhocken in unüberseh-- baren Reihen und in den letzten Tagen war auch die Heide aufge­blüht und hatte die Landschaft in einen weiten, schimmernden Tep­pich verwandelt, der durch die Kraft seiner Farben die Schönheit des blauen Sommerhimmels, der in kristallener Klarheit über dem weiten, stillen Land ausgespannt lag, verblassen ließ.

In dem unendlichen Blütemeer der Erika summten die Bienen m der Glut der stillen, warmen Tage; die Königinnen in den Stocken riefen in den Abendstunden voller Unruhe ihr .leises: rPr» küt ui den stillen Garten hinaus. Schwärme auf Schwarme sammelten sich in den heißen Vormittagsstunden, setzten sich an einen der Aeste in den Kronen der niedrigen Apfelbaums und ließen sich wie eine reife Frucht, ohne Widerstreben, in den darunter gehaltenen Korb abstreichen.

Am schönsten aber war es draußen am Rande des Kiefern^ Waldes wo man weit über das Moor und die blühende Heids hinwegsah. Der Harzdust der Kiefern drang stark und würzig in die warme, trockene Lnft hinaus, und die abgeworfenen Nadeln auf dem Waldboden schienen zu knistern vor Trockenheit und Warme Nirgends ließ sich so still und versonnen grlibeln, halb im Heidekraut vergraben, den Kopf auf die untergeschobenen Arme gelegt, die Blicke m der Unendlichkeit des blauen Himmels ver­loren. Ganze Nachmittage konnte Heinz dort zubringen und über alles mögliche nachsmnen. was ihn gerade beschäftigte. Aber am meisten dachte er über Mine nach.

.^Erlich wollte er sie heiraten. Das war überhaupt selbst­verständlich. Mer morgen würde er abreisen nüissen, denn nächste Woche, begann die schule wieder, und es war das Unangenehmste, was die Ferien an sich.hatten, daß auch sie einmal zu Ende gingen, ^zm Winter wurde er für sein Miturium arbeiten und dann kam die