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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
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zen Tag allein in meinem Zimmer bleiben und hatte ge- nügend Zeit, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Mütter und der Welt im allgemeinen nachzudenken.

Ich blieb in der Schule. Die Schlaftabletten blieben in der Nachttischschublade meines Vaters.

Am ı. April wurde Oberlehrer Dr. Schmidt aus der Schule entlassen.

An einem Maitag in den zwanziger Jahren wurde ich in meinem Haus eingesegnet. Die Einsegnung von Mädchen wurde unter orthodoxen Juden nicht anerkannt; aber in meinem Hause war nichts streng orthodox. Es war liberal und modern, in seinem Baustil wie in seiner religiösen Praxis. Ich hatte so viele widerstrebende Ansichten über Einsegnung gehört, daß ich nach der genauen Definition im Lexikon suchte. Ein anderer Ausdruck für Einsegnung war»Stär- kung«. Warum sollte eine Zeremonie der Stärkung Mädchen vorenthalten werden? Ich war so oft die Stufen zum Altar hinaufgestiegen, wenn niemand anwesend war nun würde ich diesen Weg zum erstenmal vor aller Augen gehen.

Es war ein großer Tag für uns, und das Haus war bis zum letzten Platz von Eltern und Freunden gefüllt. Sechzehn Mäd- chen wurden an dem Tag eingesegnet. Als die Orgel mit vol- lem Klang einsetzte und wir langsam durch den Mittelgang dem Altar zuschritten, flüsterte das Mädchen an meiner Seite: »Meine Knie zittern. Ich habe Angst, beim Hinaufgehen der Stufen zu stolpern.«

Es war schwer für mich, ihre Angst zu verstehen, hier, wo ich so sehr zu Hause war.

Die Zeremonie, die Orgel, der Gottesdienst, der Segen alles war feierlich und schön. Und doch hatte ich das Gefühl, als sei ich hier schon vor langer Zeit eingesegnet worden; an dem Tage, da ich mein Haus zum erstenmal sah. In spä- teren Jahren erkannte ich immer klarer, wieviel»Stärkung« jener erste Besuch mir verliehen hatte.

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