Kinderstube, in einer erstklassigen höheren Töchterschule keinen Faustkämpfen zu frönen, doch dieser Tag brach alle Vorschriften für»Benehmen höherer Töchter in höheren Schulen«. Es war ein warmer Frühlingstag, und wir trugen beide weiße Kleider aus Leinen und Batist.
Meine Faust traf ihre Nase, die sofort heftig zu bluten be- gann. Sie umschlang mich und versuchte, mich an meinen langen Zöpfen zu reißen, eine feige Bewegung, die mir nicht gefiel. Ich versuchte, mich aus ihrer Umschlingung zu be- freien, stolperte, fiel hin und zog sie mit mir zu Boden. Das Blut von ihrer Augenbraue und ihrer Nase lief über mein weißes Kleid und mischte sich mit dem Staub des Fußbodens. Sie fühlte, daß sie den kürzeren zog, und machte den Fehler, ihr beleidigendes Wort zu wiederholen, ein Fehler, der mei- nen Ärger erhöhte und mir größere Kraft verlieh. Während ein Teil unserer Mitschülerinnen sprachlos zusah und einige hinausliefen, um einen Lehrer zu Hilfe zu holen, reagierte ich an Hilde Larsen meine ganze Wut auf Dr. Schmidt, all meine Traurigkeit, hassen zu müssen, all mein Weh der letzten Wochen ab.
Dann stürmten zwei Lehrerinnen, zwei Lehrer, der Geheim- rat und Oberlehrer Dr. Schmidt in die Klasse. Sie trennten uns, doch sie mußten unsere Arme festhalten, sonst wären wir wieder aufeinander losgegangen.
Da standen wir, von Kopf bis Fuß mit Blut und Schmutz beschmiert, und starrten keuchend auf die Lehrer. Dann sah ich Dr. Schmidt und wollte mich auf ihn stürzen; mein Turn- lehrer hielt mich zurück. Während mir die Tränen über mein schmutziges Gesicht liefen, schrie ich ihn an:»Das ist Ihr Werk! Sind Sie jetzt zufrieden? Ja? Jetzt hassen wir uns. Heute schlagen wir uns! Eines Tages werden wir uns gegen- seitig umbringen. Sind Sie jetzt zufrieden?«
Der Herr Geheimrat winkte Schmidt, hinauszugehen. Die Lehrerinnen halfen, uns ein wenig zu säubern. Sie verban- den Hildes Augenbraue, stillten das Nasenbluten und bes- serten andere Schäden aus. Ich hatte ein zerkratztes Gesicht, ein blutunterlaufenes blaues Auge und ein schweres Herz. Zu Hause bestrafte mich meine Mutter für das schmutzige, an zwei Stellen zerrissene Stickereikleid. Ich mußte den gan-
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