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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
11
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ERSTER TEIL

Mein lieber deutscher Dichter Ringelnatz schrieb einst einen kleinen Vers für seine Frau als Dank für ihr Verstehen seines schwierigen Charakters.

Die du meine Wege mit mir gehst, Jede Laune meiner Wimper spürst; Meine Häßlichkeiten duldest und verstehst Weißt du denn, wie sehr du mich oft rührst?

Wenn ich dich ansehe, Milton, muß ich so oft an diesen Vers denken. Ich weiß nicht, wieweit die Laune einer Wim- per eine Seele verraten kann; aber du hast mir die Erkennt- nis gegeben, wie tief menschliches Verstehen ein Herz zu rühren vermag.

Als ich dich vor mehr als zwanzig Jahren in New York kennenlernte, hast du mich so oft gebeten, dir vieles zu er- klären, dir über den Horizont hinwegzuhelfen, über den hinaus du nicht zu meinem früheren Leben hindurchdringen konntest. Du warst ungeduldig darüber; und oft warst du traurig, besonders dann, wenn ich scheinbar Tausende von Meilen entfernt war. Es quälte dich, daß du mir nicht folgen konntest, daß ich dich allein zurückließ.

Das habe ich nie getan. Doch ich konnte nichts erklären, meine Worte wären unverstanden geblieben. Du hattest von Kindheit an gelernt, Gefühle nicht zu demonstrieren und sie nur mit knappen Worten auszudrücken. Du warst ein Amerikaner, unbelastet von Leid und unbeschwert von Er- innerungen.

Wenn ich nun mein Versprechen halten soll, dir von meinem früheren Leben zu erzählen, kann ich es nicht mit knappen und sachlichen Worten tun. Mein Leben war ein

II