wurde. Und wenn ich fühlte, daß der Kampf der meine war, focht ich ihn hart und bis zum Ende, ungeachtet der Konsequenzen.
Einen dieser Jugendkämpfe mußte ich im Alter von drei- zehn Jahren durchfechten, und er beleuchtet die Schwierig- keiten, die es uns als Kindern so schwer machten, uns zu klar denkenden, objektiven Erwachsenen zu entwickeln. Unsere Schulen hatten viele Bräuche, die statistisch viel- leicht notwendig waren, sich jedoch in der Praxis als schäd- lich erwiesen und die in der Hand eines gewissenlosen Men- schen zu einem gefährlichen Instrument werden konnten. Wir hatten einen Klassenlehrer, Oberlehrer Dr. Schmidt, einen haßerfüllten Menschen, so von Vorurteilen besessen, daß er jede ethische Verpflichtung eines Pädagogen igno- rierte.
Es war in unserer Schule ein schädlicher Brauch, die An- zahl der christlichen und jüdischen Schülerinnen zu regi- strieren— und es war die Aufgabe von Herrn Oberlehrer Dr. Schmidt, die Listen auszufüllen.
»Hilde, wie viele christliche Schülerinnen in dieser Klasse?« fragte er eine meiner Mitschülerinnen.
»Vierzehn, Herr Oberlehrer.«
Er wandte sich an mich.»Ilse, wieviel jüdische?« »Sechzehn, Herr Oberlehrer.«
» Aha. Wieder mehr jüdische als christliche Mädchen in einer Klasse. Ihr Juden müßt euch doch überall breitmachen. War- um baut ihr euch nicht endlich den Judenstaat auf, den eure Führer so ersehnen, was?«
Dies war mein Kampf. Ich konnte ihm nicht ausweichen und konnte auch nicht mit stumpfen Waffen kämpfen.
»Herr Oberlehrer«, sagte ich ruhig und bestimmt,»warum halten Sie sich nicht an Geographie und überlassen Reli- gionspolitik denen, die etwas davon verstehen?«
Sein Gesicht wurde puterrot.
»Ich werde dir etwas beibringen, mein Kind, das du in dei- nem Leben nicht vergessen wirst. Du bist hier nur geduldet, verstehst du? Nur geduldet. Ich werde dafür sorgen, daß du am ersten April aus der Schule fliegst! Du wirst'rausge- schmissen, verstehst du?’rausgeschmissen!«
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