Druckschrift 
Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen

Problemen zu nehmen, in dem Kinder anderer Länder sich ungestört entwickeln durften.

In der Zeit meines Aufwachsens war Deutschland kein Platz, Gleichgültigkeit oder Selbstzufriedenheit zu entwickeln. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie war es ein politischer Hexenkessel geworden. Das Denken der Menschen war um- nebelt, verwirrt von widersprechender Propaganda. In einem Jahrhundert, in dem sich die Welt kreischend um ihre eigene Achse drehte, war es eine beinahe übermenschliche Aufgabe, Objektivität zu erringen oder zu bewahren. In meiner Er- innerung unterscheidet sich die Zeit meiner Kindheit in Deutschland ganz erheblich von derjenigen, die heute in vielen Geschichtsbüchern beschrieben wird. Das Chaos des Zeitbildes wird natürlich noch dadurch verstärkt, daß viele Historiker Weltgeschehen von ihrem subjektiven Gesichts- winkel aus betrachten und gefühlsmäßig, nicht immer wahr- heitsgetreu, schildern.

Der Aufruhr der Zeit stürmte wie ein Orkan gegen mich an. Die verschiedenen Anschauungen und Vorurteile, Glauben und Zweifel taumelten mir entgegen wie lose Blätter wur- zellosen Büschen entfallen. Doch mein Herz war wach, und ich setzte meine Füße vorsichtig auf sicheren Boden, um nicht über die schlüpfrigen Blätter zu fallen.

Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als die politischen und religiösen Konflikte schärfer und aktuell wurden. Hun- derte von Jugendorganisationen proklamierten laut ihre gegensätzlichen Überzeugungen. Neunzig von hundert Kin- dern trugen Abzeichen irgendwelcher Art, um ihre politische oder religiöse Richtung zur Schau zu stellen. Es war unaus- bleiblich, daß diese giftige Saat eine ungesunde Ernte tragen mußte. Ich hielt mich von allen Klubs, Parteien und Grup- pen fern, weigerte mich, irgendein Abzeichen zu tragen; doch ich sah bald ein, daß es unmöglich sein würde, sich auch von jedem Kampf fernzuhalten.

Die Erlebnisse meiner ersten Jugendjahre hatten zwei Über- zeugungen tief in mir verankert: Ich lehne Krieg ab be- dingungslos. Und ich lehne Verrat ab bedingungslos. Die- sen Überzeugungen folgend, mußte ich es auch ablehnen, anzugreifen. Doch ich lief nicht fort, wenn ich angegriffen

30