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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
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Konfession die einzig seligmachende sei, und gingen so weit, ihren Kindern, die diesen Dingen völlig vorurteilslos gegen- überstanden, zu verbieten, miteinander zu spielen. Dieselben Eltern weinten und haderten mit dem Schicksal, wenn ihre Söhne in den Krieg ziehen mußten; weigerten sich, an einen Gott zu glauben, wenn ihre Söhne im Felde starben. Sie ver- langten Frieden und den Schutz Gottes, bauten jedoch Bar- rikaden gegen ihre Nächsten in ihrer Straße, in ihren Herzen und in den Herzen ihrer Kinder.

Für die Seele eines achtjährigen Kindes war es nicht wichtig, welche der Konfessionen die mächtigste war. Wichtig war, daß es einen Gott gab, zu dem man beten konnte; daß man seine Freunde liebte und von ihnen geliebt wurde; und daß man zusammen Pläne schmieden, Puppenhäuser bauen und in dem kleinen Garten hinter dem Haus Blumen und Ge- müse pflanzen konnte.

Viele Eltern, vielleicht auch mein Vater, sahen dies auch ein, wagten jedoch nicht, ihre Ansicht frei auszudrücken, aus Furcht, mißverstanden oder von ihrer Kirche getadelt zu werden. So gaben sie ausweichende Antworten, und ihre Kinder mußten Mittel und Wege finden, um diesen Pro- blemen in irgendeiner Weise gerecht zu werden oder ihnen auszuweichen.

Die jüdischen Menschen in Deutschland waren noch dazu in den innerpolitischen Kampf zwischen Zionismus und As- similation verstrickt. An Stelle von jüdischer Religions- geschichte lehrten jüdische Lehrer Parteipolitik und wurden von Eltern dafür gelobt oder verurteilt, je nachdem ob die Ansichten der Lehrer mit denen der Eltern überein- stimmten oder von ihnen abwichen. Inmitten des Tumultes standen die Kinder. Viele Juden traten zum Katholizismus über; einige, weil sie Katholizismus befriedigender fanden als Judentum, andere, weil sie es in den zwanziger Jahren des Jahrhunderts mit seinem wachsenden Antisemitismus bequemer fanden, Nichtjuden zu sein.

Ich war kein sehr glückliches Kind. Aber wenige deutsche Kinder hatten nach dem furchtbaren Weltkrieg eine Chance, glücklich und sorglos zu sein. Zwietracht und Haß der Er- wachsenen zwangen uns, in einem Alter Stellung zu diesen

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