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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
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mit dir sprechen kann und daß du mir immer so nahe bist. An jenem Tage faßte ich einen Entschluß, und ich glaube, es war mein erster: Ich würde nie an Gott zweifeln und würde nie ein Vorurteil haben. Ich weiß nicht, ob es mir immer gelang, den zweiten Vorsatz zu erfüllen, aber an dem ersten hielt ich fest jeden Augenblick meines Lebens: Nie- mals zweifelte ich an Gott.

Als mir in der Schule Religionsunterricht erteilt wurde, ver- stand ich, warum mir mein Vater ausweichende und manch- mal sehr unbefriedigende Antworten gegeben hatte. Ich lernte im jüdischen Unterricht, daß Jesus als Jude auf die Welt gekommen war und niemals die Absicht gehabt hatte, eine neue Religion zu gründen; auch daß die Juden ihn weder als Gott noch als Heiland anerkannten.

Dieser Unterricht stand in scharfem Gegensatz zu den In- formationen, die meine Freundinnen christlichen Glaubens erhielten. Sie lernten den Gedanken der Dreieinigkeit; daß Jesus Christus der Sohn Gottes und der Heiland war, ge- kreuzigt von den Juden, die ihn haßten.

Nach Ausschaltung des Hasses wäre es ein leichtes gewesen, uns allen dieselbe Religionsgeschichte vorzutragen und dann die einzelnen Konfessionen und ihre prinzipiellen Unter- schiede zu erläutern. Wir Kinder hätten diese Unterschiede respektvoll anerkannt, genauso wie wir die Verschieden- artigkeit der Farben anerkannten und lernten, sie zu einem harmonischen Bild zusammenzufügen. Keine der Konfes- sionen hätte dabei an Würde oder Eigenart verloren.

Es beeindruckte mich tief, daß meine Freundinnen und ich uns immer verstanden, bis die Frage der verschiedenen Reli- gionen aufkam. Für mich bedeutete Religion Glauben; und Glauben, dachte ich, sollte Menschen aller Länder zusam- menführen. Statt dessen bauten Eltern und viele Religions- leiter Trennungswände, bestanden fanatisch darauf, daß ihre

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