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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
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Dann hat Annas Mutter ein Vorurteil gegen mich, und Eli- sabeths Eltern haben ein Vorurteil gegen Anna.«

»Sehr richtig.«

»Papa, du hast gesagt, daß Jesus ein guter Mensch war« »Ja, das stimmt.«

Aber ich darf seinen Namen nicht nennen, jedenfalls nicht in einem Tempel«

»Ja, das ist richtig.«

»Papa, das ist doch dann auch ein Vorurteil!«

Mein Vater wurde sehr ärgerlich.»Ich habe dir gleich ge- sagt, du würdest alles falsch verstehen. Dieser Fall ist ganz etwas anderes.«

Von dem Tage an lernte ich, daß nicht nur in Fragen der Religion, sondern auch in anderen Fragen des Vorurteiles jeder glaubte, seine eigene Angelegenheit sei etwas ganz anderes. In jenen Tagen verwirrten mich drei Religionen. Es war gut, daß ich so früh anfing, darüber nachzudenken. Es war ein gutes Training für spätere Jahre, da ich erfuhr, daß es mehr als zweihundertfünfzig verschiedene Konfes- sionen gab, welche die Menschen verwirrten.

Als mich eines Tages eine Freundin fragte, ob ich nicht auch der Ansicht sei, daß Jesus Christus ein schöner Mann ge- wesen sei, sagte ich mit Überzeugung:»O ja, ein sehr schöner Mann.«

»Wie sieht dein Gott aus?« fragte sie.

Die Frage verblüffte mich.»Ich weiß es nicht«, sagte ich zögernd,»ich weiß es wirklich nicht.«

»Aber du betest doch zu ihm, nicht wahr?«

»Natürlich.«

»Aber dann mußt du doch wissen, wie er aussieht? Wie kannst du zu jemandem beten, den du nicht sehen kannst?« »Aber ich sehe ihn«, sagte ich.»Er ist so nahe.«

»Na ja, wie sieht er denn aus? Hat er einen weißen Bart?« »Nein«, sagte ich schnell,»nein, nur alte Menschen haben weiße Bärte. Gott ist doch nicht alt.«

Sie zuckte die Achseln.»Ich könnte nicht zu einem Gott beten, den ich nicht sehen kann.«

»Oh, ich kann«, sagte ich. Und dann dachte ich: Ich brauche kein Bild von dir, lieber Gott. Ich bin so glücklich, daß ich

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