würde. Er war in seinem Studierzimmer bei der Arbeit, aber ich wagte es, ihn zu stören.
»Papa—«
»Ja, Ilse?«
»Papa, Anna ist protestantisch, und ihre Mutter wünscht nicht, daß sie mit mir spielt, weil ich jüdisch bin. Elisabeth ist katholisch, und ihre Eltern wollen nicht, daß sie mit Anna spielt, weil sie protestantisch ist. Kannst du mir erklären, warum die Eltern es uns so schwer machen, zusammen zu spielen?«
Mein Vater sah verstört aus.
»War Anna ungezogen zu dir?«
»Nein«, versicherte ich,»natürlich nicht. Aber was kann sie denn tun? Sie muß schließlich ihren Eltern gehorchen, sie hat mir das selbst gesagt. Wir ärgern uns beide, denn wir spielen gern zusammen.«
»Mein Kind, in dieser Welt existiert ein Wort, das leider sehr viel Schaden und Mißverständnis zwischen Menschen anrichtet«, sagte Papa seufzend.»Man nennt es Vorurteil.« » Was ist das— Vorurteil?«
»Es ist schwer, einem kleinen Mädel wie dir ein solches Wort zu erklären, aber da du schon einmal dagegen angerannt bist, sollst du verstehen, was es bedeutet. Vorurteil kommt auf, wenn eine Gruppe von Menschen eine andere Gruppe von Menschen unter gewissen Voraussetzungen—«
»Was sind Voraussetzungen, Papa?«
»Wenn Menschen sich von anderen Menschen ein gewisses Bild machen und glauben, daß sie allein das richtige Bild haben, und es ablehnen, auf andere zu hören oder ihre An- sicht zu ändern.«
Er unterbrach sich, als er merkte, daß ich nicht folgen konnte. »Siehst du, ich habe dir ja gesagt, du kannst es noch nicht verstehen. Ich werde dir ein Beispiel geben. Du triffst in der Schule ein Mädchen und willst nicht mit ihr spielen, weil du denkst, daß sie schlecht ist. Sie ist wahrscheinlich gar nicht schlecht, sie ist nur deiner Meinung nach schlecht. Wenn du nun auf dieser falschen Meinung bestehst und sie nicht ändern willst, dann hast du ein Vorurteil.«
Jetzt verstand ich.
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