Madonna. Sonst konnte ich keinen großen Unterschied fin- den. Es duftete süßer in der Kirche als im Tempel, das kam von dem Rauch, den sie Weihrauch nannten. Ich verstand nicht die Sprache im Tempel, die man Hebräisch nannte, und ich verstand nicht die Sprache in der Kirche, die man Latei- nisch nannte. Aber die Menschen in beiden Häusern schienen dieselben zu sein. Ihre Gesichter waren freundlich und ent- spannt, ihr Lächeln gütig und ihre Augen aufwärts gerichtet oder im Gebet geschlossen. Aus den Worten ihrer Gebete, die mich erreichten, hörte ich, daß sie in beiden Häusern um dasselbe zu beten schienen. Ich setzte mich in der Bank zurück und sprach zu Gott, wie ich es im Tempel tat, und ich war sicher, daß er mich hier genauso hörte wie dort. Warum mußte ich dann ein Geheimnis daraus machen, daß ich einem Gottesdienst in einer Kirche beigewohnt hatte? Als ich im Frühling mit anderen Kindern aus der Nachbar- schaft zusammen auf der Straße spielte, sagte plötzlich eine meiner Freundinnen:
»Meine Mutter verbietet mir, mit dir zu spielen.« »Warum?«
»Weil du jüdisch bist. Ihr habt unseren Heiland gekreuzigt.« »Nein«, sagte ich,»wir haben es nicht getan. Die Römer taten es.«
»Ich glaube dir«, sagte sie ernsthaft,»aber was kann ich tun? Meine Mutter will nicht, daß ich mit jüdischen Kindern spiele.«
Ich war zu stolz, um zu zeigen, wie verletzt ich war, aber als ein Mädchen einer anderen Gruppe mich herüberrief, erzählte ich ihr, was mir passiert war.
»Ach«, sagte sie,»mach dir nichts daraus. Meine Mutter hat mir verboten, mit ihr zu spielen, so rächen sich jetzt ihre Eltern an dir. Du brauchst sie nicht— spiel mit uns.« »Aber warum sollst du denn nicht mit ihr spielen?« »Meine Eltern sagen, es ist besser, wenn ich nur in katholi- schen Kreisen verkehre. Sie ist Protestantin.«
» Aber sie ist Christin und du bist Christin.«
»Ja, natürlich.«
Das war zuviel für mich. Ich ging wieder zu meinem Vater, obwohl ich das Gefühl hatte, daß mir dies nicht viel helfen
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