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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
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Bald nach der Einweihung meines Hauses baten berühmte Künstler den Vorstand um Erlaubnis, in ihm Konzerte und Vortragsabende zu geben. Mit freudiger Erregung be- obachtete ich stets die Ankunft der Wagen und hatte das Gefühl, ein wenig dazuzugehören.

An einem sehr kalten Winterabend beunruhigte mich eine Unterhaltung zwischen meinen Eltern, die ich während des Abendessens hörte.

»Ich bin sehr besorgt«, sagte mein Vater.»Dieser Frau hätte ich den Tempel nicht gegeben.«

Meine Mutter war anderer Ansicht.»Sie ist eine berühmte Schauspielerin; sie wird nichts tun, das ihrer Karriere scha- den könnte.«

Papa schüttelte den Kopf.»Sie ist als religiöse Fanatikerin bekannt. Gott weiß, was passieren kann. Ich werde jeden- falls rechtzeitig hinübergehen und meine Augen offenhal- ten.«

Diese Unterhaltung flößte mir Furcht ein. Nach einer Kon- ferenz mit meiner Gouvernante, in der ich versprach, am nächsten Nachmittag eine Stunde zu schlafen, erhielt ich die Erlaubnis, bis zehn Uhr aufzubleiben. Sobald meine Eltern das Haus verlassen hatten, ließen wir uns am Fenster nieder und beobachteten die Vorgänge gegenüber. Der Schnee fiel in dichten Flocken und trübte die Aussicht auf mein Haus, als ein Wagen nach dem anderen vor dem gro- Ben Eingangsportal hielt. Elegant gekleidete Paare, die Kragen der Mäntel und Capes hochgeschlagen, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen, eilten die Stufen herauf. Alles schien viel weniger festlich als an anderen Abenden zu sein, und meine Gouvernante konnte nicht verstehen, warum ich darauf bestand, noch weiter zuzuschauen.

»Hast du denn nicht gehört?« sagte ich aufgeregt.»Mein Vater fürchtete eine Gefahr.«

Nach einer Weile ließ der Andrang nach, und die Außen- türen wurden geschlossen. Nur das große Mittelportal blieb für Nachzügler offen.

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