„Das ist alles», sagte meine Gouvernante.»Der Vortrag hat bereits angefangen. Nun wird nichts mehr passieren.« „Warum wartet diese Kutsche da unten?« fragte ich und zeigte auf den einsamen Wagen, der vor der Mitteltür stand. Ich wurde müde und war bereit aufzugeben, als das Furcht- bare passierte. Eine Frau, ohne Hut oder Schal, in ein Cape gehüllt, rannte aus dem Tempel und die Treppe herunter. Sie raffte ihr langes Abendkleid hoch, um nicht zu fallen, lief zu der wartenden Kutsche, stieg ein, und im nächsten Augenblick fuhr der Wagen fort. Dann stürmten Menschen aus dem Haus, offensichtlich, um sie zu verfolgen. Wir konnten nicht hören, was vorging, aber die Menschen gestikulierten wild und waren sichtlich aufgeregt. Einige eilten die Straße hinunter, andere liefen zurück in den Tempel. Ich begann vor Angst zu weinen.
Meine Eltern kamen sehr aufgeregt herüber, aber ich konnte nichts erfahren. Mein Vater bestand darauf, daß ich sofort schlafen ginge; er versicherte, daß alles in Ordnung sei und mein Haus sich nicht mehr in Gefahr befände.
Am nächsten Morgen hörte ich alles, als der Milchhändler es einem Kunden erzählte.
Die Schauspielerin war vor den Altar getreten, hatte die Arme weit im Zeichen des Kreuzes ausgestreckt und ge- rufen:»Gelobt sei Jesus Christus, unser Gott!« Dann war sie die Treppen herunter durch den Notausgang des Tempels geflüchtet und entkommen. Niemand konnte verstehen, wie sie in dem hohen Schnee so schnell entkommen konnte. Nie- mand wußte, ob sie einen absichtlichen Versuch gemacht hatte, den Tempel zu entweihen. Dieses Rätsel hätte ich so- fort aufklären können. Natürlich hatte sie es arrangiert, denn die Kutsche hatte ja auf sie gewartet. Dieser Umstand erklärte auch die Schnelligkeit ihrer Flucht.
Ich hatte jedoch über viel schwerere Fragen nachzudenken und suchte die Antwort bei meinem Vater. Es war meine erste Unterhaltung über religiöse Konflikte und blieb, viel- leicht aus diesem Grund, lebhaft in meiner Erinnerung. »Papa, was ist gestern geschehen?«
„Eine schlechte Frau hat versucht, unseren Tempel zu ent- weihen.«
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