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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
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Kaiser mehr existierte, das Ereignis seines Besuches dazu dienen würde, mich aus Lebensgefahr zu retten. Ich war zu klein, um vieles aus jenen Jahren in der Erinnerung fest- zuhalten, doch der Besuch des Kaisers blieb ein Lichtpunkt in meinem Herzen.

Vier Jahre später wurde er brutal ausgelöscht, als mein Vater eines Morgens mit einer Zeitung in der Hand in mein Zimmer kam und sich müde auf den Rand meines Bettes setzte. Ich erschrak tief; mein Vater weinte. Ich hatte nie- mals geglaubt, daß Männer weinten! Mein Vater gab mir die Zeitung. Ich sah den Satz, der in großen Buchstaben auf der ersten Seite gedruckt war: Der Kaiser ist geflohen.

Ich konnte es nicht fassen.

»Geflohen, Papa? Vor wem? Vor dem Feind?«

Nein. Vor uns.« Ich höre noch heute den Klang seiner Stimme.

Ich konnte es nicht glauben. Warum sollte denn der Kaiser vor uns fliehen? Vor den Menschen, die ihn liebten? Ich wußte, wir hatten den Krieg verloren und waren in ge- fahrvoller Not. Ich hatte gehört, daß Kommunisten ver- sucht hätten, im Inneren von Berlin eine Art von Revolu- tion anzufangen. Wir hatten sogar Schüsse gehört. Aber was hatte denn all das mit dem Kaiser zu tun? Er konnte doch leicht Ordnung zwischen seinen Untertanen herstellen! Sie hatten immer auf ihn gehört; sie würden ihm selbstver- ständlich auch diesmal gehorchen! Er konnte doch nicht fortgelaufen sein! Nicht mein geliebter, schimmernder Kaiser!

Ich mußte bald die bittere Wahrheit glauben.

Vielleicht war es gut, daß ich meine erste tiefe Enttäuschung so früh erfuhr, aber sie war schwer zu akzeptieren. Mein herr- licher Kaiser ein schwacher Mensch; seine goldenen Waf- fen billiges Messing; seine Liebe zu uns leere Worte. Anstatt uns zu beschützen, hatte er uns verlassen. Ich ver- sprach mir, nie mehr an die selbstlose Führung eines ein- zelnen Herrschers zu glauben.

Und ich habe es nie mehr getan.

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