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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
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Alabasterweiß der Stufen erhöhte den Eindruck blendender Unwirklichkeit. Auf der ersten Plattform, umgeben von der weißen Balustrade, stand der Altartisch. Auf der zweiten Plattform ruhte die Kanzel, und drei Stufen höher erstreckte sich die letzte Plattform mit drei herrlichen schweren Bronzetüren. Die beiden kleineren an jeder Seite führten zu den Räumen der Geistlichen; das hohe prachtvolle Mittel- portal öffnete sich langsam und majestätisch zu dem Schrein, in dem später die heiligen Schriften ruhen würden. Über der Kanzel wölbte sich schützend ein Alabaster-Baldachin; von seiner schimmernden Mosaikdecke hing die feine Bronzelampe, in der das Ewige Licht brannte.

Plötzlich fiel mir ein, daß man mich bestimmt suchen würde. So schnell ich konnte, lief ich durch den Mittelgang dem Ausgang zu. Doch bevor ich die schwere Tür aufschob, drehte ich mich noch einmal um und sah zu dem herrlichen Bild der Kuppeln auf. Und mein Herz dachte:

»Bitte, lieber Gott, sei glücklich hier.«

So geschah es, daß ich als erste in dem neuen Haus betete. Ich wußte damals nicht, daß ich auch die letzte sein würde.

Berliner Luft war erregend. Berlin war groß wie die Welt, brutal wie die Hölle und sanft wie das Paradies im Mär- chenbuch der Kinder. Wir lebten in dem gepflegten Westen, in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms; einer schönen Wohngegend, die in keiner Weise die existierende Brutali- tät der Stadt ahnen ließ. Mein Leben war behütet; von meinen Eltern, einem gesellschaftlich erstklassigen Heim, einer Gouvernante und meinem neuen Haus.

Zwei Wochen nach unserer Ankunft wurde das Gerüst von dem Haus gelöst. Es war ein großer Tag. Ich durfte die Wohnung nicht verlassen; meine Mutter fürchtete, ich könnte von einem Balken verletzt werden. Doch ich konnte durch das Fenster alles genau beobachten. Ich war glücklich

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