zu sehen, wie sich der schöne, weiße Bau langsam von dem Holzgerüst befreite. Als die letzten Bretter fortgeräumt waren, erschien die ganze Straße heller und leuchtender. Von allen Seiten strömten Menschen herbei, um den neuen Tempel zu bewundern. Fotografen nahmen den ganzen Tag Bilder auf, und Zeitungsreporter standen in der Mitte der Straße und machten Notizen über alles.
Am nächsten Tag ging mein Vater mit mir aus. Er war ein junger, sehr interessanter Mann, groß, stattlich, mit hellblondem Haar, blauen Augen und einer auffallend ge- raden, aufrechten Haltung. Ich ging gern neben ihm. Wußte ich doch genau, daß die erwachsenen Damen, deren bewundernde Blicke ich auffing, mich um seine Gesellschaft beneideten. Meine Erregung stieg, als mein Vater mir den Grund für den Spaziergang erklärte.
»Du hast Glück, mein Kind«, sagte er lachend.»Es be- steht ein außergewöhnlicher Grund dafür, dir ein neues Kleid und vielleicht auch neue Schuhe zu kaufen. Mutter hatte zu viel zu tun, und so muß ich mit dir einkaufen gehen. Wenn ich Mutters Sparsamkeit und meinen leicht- sinnigen Geschmack bedenke, sage ich nochmals, du hast Glück! Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb Mutter heute morgen so außerordentlich beschäftigt war? Wie dem auch sei, die Gelegenheit rechtfertigt einen gewissen Leicht- sinn.«
»Welche Gelegenheit, Papa?«
»Der Kaiser wird morgen zur Fasanenstraße kommen, um sich den neuen Tempel anzusehen.«
»Der Kaiser?«
»Ja, mein Kind.«
Ich hatte den Kaiser schon einmal gesehen, aber natürlich nur aus der Entfernung. An dem ersten Sonntagmorgen nach unserer Ankunft hatte mich mein Vater zu der Straße »Unter den Linden« gebracht. Es war eine der schönsten, reichsten und berühmtesten Straßen Europas. Wir gingen die Linden hinunter zum Kaiserlichen Schloß. Hunderte von Menschen warteten dort, um ihren Herrscher zu bewun- dern. Unter dem Jubel der Menge fuhr die Kutsche mit dem Kaiser, der freundlich grüßte, langsam zum Dom, in dem
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