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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
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aus dem Fenster schauen. Ich atmete tief und eifrig. Doch ich spürte nur den beißenden Rauch der Lokomotive, der für mich damals absolut nichts Erregendes hatte. Später war es anders. Ich reiste viel umher und sah schöne Länder; doch wenn ich die ersten Häuser von Berlin sah und der scharfe Rauch der Lokomotive mir die Tränen in die Augen trieb, schlug mein Herz schneller vor Erregung bei dem Gedan- ken an Heimkehr.

Wir kamen spät am Abend in Berlin an. Ich erinnere mich nur noch der bleiernen Müdigkeit, die meine Augen ge- schlossen hielt. Eine Agentur hatte für uns eine Wohnung genau gegenüber dem neuen Tempel gemietet.

»Das Gerüst steht noch«, hörte ich meinen Vater sagen, und dann schlief ich fest in seinem Arm ein.

Am nächsten Morgen sah ich das neue Haus zum ersten- mal. Unsere Möbel waren angekommen; meine Mutter und unser Mädchen, das aus der kleinen Stadt mit uns gekom- men war, waren mit dem Einräumen beschäftigt. Mein Vater stattete dem Vorsitzenden der Gemeinde einen Be- such ab niemand vermißte mich. Ich schlich leise aus dem Haus und auf die andere Seite der Straße.

Menschen erkennen selten im Leben den Augenblick, in dem sie ihrem Schicksal begegnen. Doch als ich plötzlich mein kindliches Trippeln unterbrach und still stand, als seien meine Füße am Boden festgenagelt, schlug mein Herz ganz schnell in einem Empfinden vollkommenen Glückes.

Du bist ein wunderschönes Haus, dachte ich. Und ich werde mein ganzes Leben lang gegenüber von dir woh- nen und dich immer sehen. Vielleicht werde ich eines Tages reich genug sein, dich zu kaufen. Dann wirst du mir ge- hören.

Das Gerüst konnte seine Schönheit nicht verhüllen. Der weiße Sandstein schimmerte hindurch, und die Sonne ließ die farbigen Glasfenster wie Diamanten strahlen.

Ein langer Hof trennte den Tempel von einem kleineren Gebäude, das die Wohnungen des Kastellans und des Por- tiers enthielt. Es hatte ein rotes Dach und einen viereckigen Vorplatz mit guter Erde, dazu bestimmt, mit Rasen und Blumen geschmückt zu werden.

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