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Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
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Vielleicht wird es eines Tages so sein. Heute schmerzen die Narben noch, wie der Stumpf eines amputierten Beines einen Mann sagen läßt:»Mein Fuß schmerzt.« Und er weiß doch, daß er keinen Fuß mehr hat, der schmerzen könnte! Mein erstes Leben begann in einer kleinen, rußigen und farblosen deutschen Stadt. Grubenarbeiter und ihre Fami- lien sind ernste, schwere Menschen. Die Stadt hat meiner Erinnerung nichts Strahlendes zu bieten, und doch lächle ich, wenn ich an sie denke, denn sie war meine Heimat. Meines Vaters Tempel stand in einer schmalen Gasse. Wann immer ich später»Wilhelm Tell« sah und ihn mur- meln hörte:»Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, dachte ich an den Tempel meiner kleinen Geburtsstadt. Sein Boden war mit rotem Teppichbelag bedeckt. Wenn mein Vater ein Gebet für den Frieden sprach, trat er immer einige Schritte zurück, um zu der heiligen Lade aufzusehen. So oft war er diese Schritte gegangen, daß der Teppich unter seinen Füßen abgetreten war. Warum betete er so inbrünstig um Frieden? Es war 1912, und Deutschland lebte in Frieden! Als ich zum erstenmal den Tempel sah, hatte man den abgetretenen Teppich bereits repariert mit einem Vier- eck aus schwarzem Velours mit roten Rosen. Niemand konnte mir erklären, warum man schwarzen Velours mit roten Rosen gewählt hatte. Hätte mein Vater mit seinen Gebeten um Frieden Gehör gefunden, so hätte ich dem Tempel später einen neuen roten Teppichbelag geschenkt. Aber Menschen machten Krieg. Heute könnte ich dem Tempel einen neuen Teppich schenken doch es steht kein Tempel mehr dort, wohin ich ihn senden wollte.

Das Viereck aus schwarzem Velours mit roten Rosen blieb die allererste Erinnerung an meine Kindheit.

Die erste große Änderung in meinem Leben kam, als mein Vater an den neuen Tempel in Berlin berufen wurde. Der neue Tempel! Man sprach von ihm in ehrfurchtsvoll bewunderndem Ton. Und mein Vater erklärte meiner Mutter:»Die Berliner Luft sie hat etwas so Besonderes so Aufregendes. Du wirst sehr glücklich in Berlin sein.« Als der Zug an den ersten Häusern von Berlin vorüber- fuhr, hielt mein Vater mich auf dem Arm und ließ mich

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