gessen werden, daß im Talmud nirgends Stellung gegen die Christen oder das Christentum genommen wird, sondern nur gegen die„Abtrünnigen“. So wären für die Talmudisten pole- mische Ausfälle wie diejenigen Luthers gegen den Katholizismus eine Unmöglichkeit gewesen. Die Gesinnung der jüdischen Sit- tenlehrer im Mittelalter ist vielerorts und weitgehend frei von allem kasuistischen Nebel und hat ausdrücklich versucht, den Christen gegenüber gerecht zu sein.— Rabbi Hai, einer der Lehrer aus der Schule von Pumbadita im elften Jahrhundert, be- hauptete, daß nach dem Talmud jeder Jude verpflichtet sei, die Wahrheit von jedermann anzunehmen.
Im dreizehnten Jahrhundert lehrte Salomon ben Moses ben Jekutiel, man dürfe ja nicht über die Trinität oder über das Meß- opfer noch über andere Dinge des Christentums, auch nicht über die angeblich schlechten Sitten der Geistlichkeit verächtliche Ur- teile fällen, schon deshalb nicht, weil auch die Juden den christ- lichen Geistlichen Achtung schuldig seien. In diesem Sinne sagte dann auch Mose Isserles aus Krakau, einer der orthodoxesten Ritualisten des sechzehnten Jahrhunderts, er gedenke des Bun- des der Väter, mit dem nicht nur unsere Väter gemeint seien, sondern in den alle ehrlich strebenden Menschen eingeschlossen werden können. Spinoza geht dann noch viel weiter, wenn er 1675 an Oldenburg schreibt:„Der Sohn Gottes, d.h. die ewige Weisheit Gottes, hat sich am mächtigsten in Jesus Christus offen- bart.“
Was jüdische Literaten hie und da gegen das Christentum vor- bringen, wird in den meisten Fällen von ernsten Juden zurück- gewiesen. Ihnen gelten diese Literaten, die die vergifteten Waf- fen ihres Atheismus aus dem Arsenal abendländischer Materia- listen bezogen haben, als Auswüchse, gegen die man ebensowenig ausrichten könne, wie dies die christlich Gesinnten gegen die Wirkung des modernen Zeitgeistes und im 18. Jahrhundert ge- gen Voltaires Spottsucht und gegen die Angriffe der Enzyklopä- disten auf das Christentum vermochten.
Es seien hier noch einige weitere Proben von der hohen Ge- sinnung, wie sie bei orthodoxen Juden zum Ausdruck kam, ge- geben:
Jechiel ben Jekutiel ben Benjamin lehrte in der 2. Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts:„Liebet den Fremdling gleich dem Nächsten, gedenket seiner stets zum Guten, sprechet wohlwol- lend über ihn und spähet nicht seine Fehler aus.— Seid wohl- tätig gegen jedermann, mag er dessen würdig sein oder nicht,
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