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Der Einbruch des göttlichen Geistes in die Geschichte
Nur zu viele gläubige Christen, die ihre Augen zum Stern von Bethlehem erheben, sind sich nicht bewußt, daß die frohe Bot- schaft nicht nur von der Sternenwelt kam, sondern auch von der dunklen Erde, vom blutgetränkten Boden einer mehr als tausend- jährigen Geschichte, in deren Verlauf ein ganzes Volk in furcht- barem Ringen mit ererbter Sünde und voll von leidenschaftlichem Verlangen nach den Gütern dieser Welt sowie in tödlichem Ge- gensatz zu seiner ganzen Umgebung sich der Anbetung des einen und einzigen Gottes weihte und seine Gebote als oberste Regel für sein irdisches Dasein zu befolgen entschlossen war. Darum heißt es in dem bekannten jüdischen Gebete:
Schaffe, Gott, deinen Tempel auf Erden, Ewiger Gott, schaffe ihn bald, Schaffe ihn jetzt...
Und eben dies ist vielleicht das Größte und Vorbildlichste in der Religion des Alten Testaments: Wir finden dort nicht nur das Bekenntnis zur Wirklichkeit einer anderen Welt, sondern vielmehr und vor allem den Einbruch der Gotteswelt in die menschliche Geschichte und das leidenschaftliche Verlangen nach Befolgung des göttlichen Willens mitten im irdischen Leben.
Christus fiel nicht in die hebräische Welt wie ein Meteor aus tiner anderen Wirklichkeit und ohne Zusammenhang mit dem Geiste dieser Geschichte. Nein, er war und ist doch die höchste Logik der ganzen jüdischen Entwicklung. Er war, wie Aristoteles gesagt haben würde, deren Entelechie, also die letzte Erfüllung ihrer weltgeschichtlichen Botschaft, auch wenn diese Logik ihn ans Kreuz brachte. So fiel das Judentum in die größte Krisis seiner Geschichte nicht aus Übermut, sondern aus einem Ge- heimnis seiner eigenen Tradition heraus, das sich erst in Jesaias zu enthüllen begann und dann unerwartet in dem Juden Paulus zu voller Klarheit durchbrach.
Alle Völker haben ihre besonderen Gaben; den Juden war es gegeben, die geistig-sittlihen Grundbedingungen des Menschen- lebens auf Erden zu erfassen. Sie haben das Erdenschicksal für immer mit dem göttlichen Geiste verknüpft, was tausendmal wichtiger war als griechische Kunst, römisches Gesetz, deutsche Wissenschaft und französischer Geist. Das Judentum ist un- bestreitbar das am höchsten bewußte Zentrum des Monotheis- mus in der ganzen Welt gewesen. Es wurde dadurch das reli-
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