unter dem Arm mitgebracht hatte, auf das Bett gewor- fen. Mit weit ausgestreckter Hand kommt er auf mich zu:„Georges Chadirat, Anwalt beim Obergericht.‘“ Die Stimme ist ernst, der Ton feierlich. Ich stelle mich sel- ber vor. Ein kurzes Schweigen, von tausend Gedanken erfüllt, folgt diesem knappen Zwiegespräch. Der mir zugeteilte Gefährte bricht es:
„Welche Schande“, sagte er gravitätisch ernst mit einem Klang tiefster Überzeugung. Ich verstehe das Warum dieser seltsamen Überlegung nicht gleich und auch nicht den Ton, mit dem sie vorgetragen wird. Zunächst scheint sie mir unangebracht. Doch mit verstärkter Betonung wiederholte Chadirat:„Welche Schande!“ Da wird mir das Groteske der Lage klar.
Georges Chadirat, hoher Würdenträger der Freimaure- rei, verbirgt nämlich hinter seinem glattrasierten Kle- rikergesicht einen alten Bart, den der Republikaner von anno 48, ja noch mehr, er ist im Geiste einer von denen, die aus der verfassunggebenden Versammlung von 1789 kommen.
Ich bewundere sein Gedächtnis, als ich ihn zitieren höre:„Die Menschen werden frei geboren und bleiben frei und gleich in allen Rechten. Kein Mensch kann angeklagt, verhaftet oder gefangengehalten werden, außer in den vom Gesetz bestimmten Fällen unter Wahrung der gesetzlich vorgeschriebenen Formen.“ Dieser Anachronismus, die Erinnerung an das Glau- bensbekenntnis der großen Ahnen an diesem grauen Wintermorgen 1943 war unter solchen Umständen zu- gleich rührend, drollig und unwiderstehlich. Ich hatte aber nicht den Schneid, Chadirat darüber eine Bemer- kung zu machen.
Er wußte natürlich über die Verhaftungen Bescheid, die vergangenen Monat in Brive unsere Combat-Bewe- gung dezimiert hatten. Er selber hatte auch gewisse ver- trauliche Verbindungen zu uns. Aber jetzt im Augen-
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