Neonazismus und Antisemitismus wirkungsvoll entgegenzufreien. Selbstge- fällige Sonntagsreden geben nur ein irreführendes Bild. Wie es wirklich aus-
sieht, dafür einige Beispiele:
„In einer Fernsehsendung vom 6. Mai 1962 über den Antisemitismus in der
Bundesrepublik antworteten auf die Frage, ob es in der Bundesrepublik zu viel oder zu wenig Juden gäbe, die meisten: zu viele.“(„Allgem. Wochen- zeitung der Juden” vom 11. 5. 62.)
„Von tausend Befragten äußerten sich 463 betont antisemitisch, 129 wichen der Frage aus oder hatten keine Meinung.”(„Spiegel” v. 16. 5. 62.)
Das DIVO-Institut stellte u.a. folgende Frage:„Hätten Sie Bedenken, wenn Juden hohe Stellungen in der Bundesrepublik einnehmen würden?” Nach der Umfrage äußerten in der Bundesrepublik 41% der Befragten Bedenken ge- genüber. einer Mitarbeit der Juden. In Westberlin waren 24 der Befragten gegen eine Mitarbeit der Juden.(Der„Allg. Wochenzeitung der Juden” v. 18. 8. 61 entnommen.)
Diese Zahlen beweisen unwiderlegbar, wie der Antisemitismus in der Bun- desrepublik anwächst. Es wird zu wenig dagegen getan. Auch darf man die Auseinandersetzung mit diesem Problem nicht durch Mitleid erseizen. Es darf auch richt länger die Angelegenheit einiger weniger exklusiver Kreise bleiben, sich gegen den Antisemitismus zu wenden. Unsere Auffassung, daß der Jude nicht auch ein Mensch, sondern ein Mensch wie Du und ich ist, muß Allgemeingut werden. Antisemitismus ist keine biologische, religiöse, ökono- mische oder politische Frage: Antisemitismus ist die Meihode, politische Fra- gen mit kriminellen Mitteln zu lösen. Er bedroht nicht nur die Existenz der wenigen überlebenden jüdischen Menschen, sondern die Existenz unseres Staates. Wo der Rufmord zum politischen Prinzip erhoben, wo die vorher geleerte Schnapsflasche zum politischen Argument wird, wo täglich die nie- drigen Instinkte mobilisiert werden, da findet der Antisemitismus seinen Nähr- boden. Aber da ist die Freiheit, der Frieden und die Sicherheit aller Menschen bedroht. Wenn wir nicht wieder im Sumpf der Unduldsamkeit und des Hasses versinken wollen, muß dem Antisemitismus mit der ganzen Autorität der Gesellschaft entgegengetreten werden.
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Es ist wieder an der Zeit daran zu erinnern, daß unsere Gemeinschaft im Lager um so fester wurde, je mehr sich der Terror der SS steigerte. Wo immer auch ein Sachsenhausener steht— das gilt gleichermaßen für alle Gegner des Nationalsozialismus—, in welcher Organisation er wirkt, in welcher Stellung er sich befindet, er muß sich als ein Glied unserer Gemeinschaft fühlen und seine ganze Kraft für den gemeinsamen Kampf gegen den nazı- stischen Ungeist einsetzen. Ständige Informierung aller Sachsenhausener, die im öffentlichen Leben der Bundesrepublik wirken(Abgeordnete, Politiker, Ge- werkschaftler, Geistliche aller Konfessionen, Wissenschaftler, Erzieher, Publi- zisten, Künstler, Schriftsteller usw.), sind eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg unserer Arbeit. Wir werden die Probleme, die in diesem Rahmen nur an- geschnitten werden konnten, in gemeinsamen Beratungen behandeln und sie dann zur öffentlichen Diskussion stellen.
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in unserem Kampf gegen den Neonazismus sind wir uns der Unterstützung
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