Piebe Kumpel!
Wir haben im Konzentrationslager Sachsenhausen oft dar- über diskutiert, wie unser Deutschland nach dem Zusammenbruch der natio- nalsozialistischen Schreckensherrschaft aussehen würde. Niemand von uns wußte, ob er es noch erleben würde, denn jede Stunde eines jeden Tages konnte uns ja den Tod bringen. Und doch diskutierten wir mit heißem Herzen und klarem Verstand über das zukünftige Deutschland in der Gewißheit, daß die gute Sache, der wir alle dienten, siegen würde. Wenn wir uns auch nicht in allem, was die Zukunft anketraf, einig waren, so doch in einer Frage immer ohne jede Einschränkung: Deutschland darf niemals wieder nazistisch und antisemitisch werden. Wir waren uns einig, daß nur die restlose Überwindung des Nationalsozialismus unsere. Zukunft sichern konnte.
Daß wir aber heute— 1962— noch immer vor diesem Problem stehen, er- füllt uns mit großer Sorge. Es wäre eine verhängnisvolle Illusion zu glauben, daß sich diese Probleme von selbst, von sich aus, ohne unseren Antrieb lösen werden.
Weil wir die Gefahr, die unserem Lande durch den Nationalsozialismus drohte, rechtzeitig erkannt hatten, haben wir ihn bekämpft. Wir stellten diesen Kampf auch nicht ein, als unsere Warnungen in den Wind geschlagen wurden. Wir gingen dafür in die Zuchthäuser und Konzentrationslager. Und auch hier führten wir unseren Kampf gegen den gemeinsamen Feind weiter. Wir kamen ins Konzentrationslager nicht nur aus allen Ländern, sondern auch aus allen politischen und religiösen Lagern. Hatten wir vorher über die Zukunft gestritten, so hatte uns die Gegenwart in den Konzentrationslagern zu einer Gemeinschaft werden lassen. Allein dadurch haben wir überlebt.
Nicht Glück oder Schlauheit, nicht der Zufall ließ uns überleben, sondern allein der Gemeinschaft der brüderlichen Hilfe und des gemeinsamen Wider- standes verdanken wir unser Leben. Weil keiner den Nationalsozialismus so kennt, wie wir ihn kennen, werden wir auch jetzt nicht ruhen, bis der Nazis- mus aus der Welt verschwunden ist.
|
Als wir das Lager hinter uns ließen, glaubten wir, daß die Bestrafung der Totschläger und Mörder die erste, die selbstverständlichste, die einfachste Sache von der Welt sein würde. Aber was ist heute? Nach 17 Jahren ist die Bestrafung der Mörder noch immer ein Problem. Bisher standen 5372 Toi- schläger und Mörder vor deutschen Gerichten. Verurteilt wurden 13] wegen Mordes und 231 wegen Totschlags. Todesurteile wurden 12 ausgesprochen, die aber nicht vollstreckt wurden, und 68 Urteile, die lebenslängliche Haft aussprachen. Es bleiben also Unzählige, die noch nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Die Zentralstelle in Ludwigsburg meldet, daß noch etwa 800 Fälle in Bearbeitung sind.
Es ist beängstigend, daß unser Staat so lange braucht und es ihm offensicht- lich sehr schwer fällt, die Fälle aufzuarbeiten. So leben die noch nicht ent- larvten und die wieder freigelassenen Verbrecher unter uns, als sei nichts geschehen... In vielen Fällen sitzen sie in hohen Stellungen und sind hoch- geehrt, so, als sei Mord an Juden und Hitlergegnern nichts Ehrenrühriges,


