Terrors zu versetzen. Diese Lehrerin, an deren politischer Integrität kein Zweifel möglich ist, wollte ihren Schülern demonstrieren, wie ihr und ihrer Klasse zumute war, als sie unter der nationalsozialistischen Herrschaft von -ihrem Schulleiter gezwungen wurde, das Horst-Wessel-Lied mit ihrer Klasse zu singen...”
Kann diese Art von Verteidigung überzeugen? Unsere Jugend spürt die Halbheiten, die Inkonsequenz in unserem zeitgeschichtlichen Unterricht. Das führt dann dazu, daß viele überhaupt nichts mehr davon hören wollen.
Das„Hamburger Echo” v. 20. Februar 1961 bringt einen Bericht über die 119. Sitzung des Westberliner Parlaments der Schulen. Dort sagt ein Schüler: „Wir können das schon nicht mehr hören, man sollte diese Tonbänder endlich löschen.” Der 19jährige Schüler K. sagt:„Diese andauernde Einseitigkeit in den Schulfunkprogrammen läßt sich nur aus der befohlenen Richtung für Lehrer erklären, die sie selbst nicht glauben.” Ein anderer Schüler meint: ae soll überhaupt in diesen Sendungen die Rührseligkeit gegenüber den uden.“
Auf einer Tagung der evangelischen Akademie in Tutzing hörte man nach einem Bericht der„Welt“ vom 6. 2. 62 folgende Meinungen:„Das dauernde Gerede von der Schuld des Dritten Reiches steht uns bis zum Hals. Wir Jungen wollen unbelastet ins Ausland gehen.”„Ich sehe nicht ein, warum ich mir die Schuld anderer Leute vorwerfen lassen muß.” In dem Bericht heißt es weiter:„Eine improvisierte Abstimmung ergab, daß nur etwa sechzig Prozent der anwesenden Schüler und Studenten im Unterricht etwas über das Schicksal der Juden in Deutschland erfahren hatten.”„Die Lehrer distan- zierten sich sofort”, berichtete eine junge Dame und zitierte ihren eigenen Studienrat:„Ich war nicht dabei.”
Begnügen wir uns mit diesen wenigen Beispielen. Zeigen sie doch, wie drin- gend notwendig die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist, wie sehr auch unsere Jugend eine systematische Aufklärung über den Wider- stand und die Konzentrationslager braucht, um diese Zeit zu verstehen und die Schlußfolgerungen für ihr eigenes Verhalten zu ziehen. Unsere Jugend ist nicht verantwortlich für das was war, aber die Gestaltung der Zukunft hängt allein von ihr ab. Wir wollen ihr helfen und sie vor Verstrickung in neue Schuld bewahren.
Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Machen wir sie doch bekannt mit dem Leben und Wirken der von den Nazis gemordeten Frauen, Männer und Kinder aus ihrer Stadt, ihrem Dorf, ihrer Schule etc.
Zum Beispiel könnte man einer Schule den Namen eines aus ihr hervorge- gangenen Widerstandskämpfers geben. Von der Schule her müßte die Zu- sammenarbeit mit der Elternschaft angestrebt werden.
Es geht nicht nur darum, daß unser Volk seine Ehrenpflicht den Opfern gegenüber erweist, es geht vielmehr darum, die richtigen Lehren aus der Ver- gangenheit zu ziehen.
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit schafft erst die Voraussetzung, dem heute schon wieder aktuellen Problem des
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