arbeitung unserer Vergangenheit kann die Voraussetzung dafür schaffen, daß sich die Geschichte nicht wiederholt. So stellt sich also die Frage, welchen Anteil unsere Schulen an dieser Aufgabe nehmen. Zwar beschäftigen sich zahlreiche Konferenzen unserer Minister und Erzieher mit diesen Problemen.
Bisher ist es aber noch nicht einmal gelungen, ein brauchbares Geschichts- buch über die Zeitgeschichte herauszubringen. Im günstigsten Falle werden unbedeutende Randerscheinungen in den Mittelpunkt gestellt, ohne das Wesentliche zu behandeln. Judenverfolgung, Religionsverfolgung, Konzen- irationslager und der Widerstand gegen die Nazis werden, wenn sie über- haupt behandelt werden, mit wenigen Zeilen abgetan. Wo wagt es ein Leh- rer, den Text der„Nürnberger Gesetze” und den Kommentar dazu zu be- handeln? Erst die gründliche Kenntnis dieser Gesetze und Kommentare würde es den Jugendlichen ermöglichen, die nackte Brutalität des Naziregimes zu erfassen. Zur Auseinandersetzung mit der Nazizeit gehört auch ein wahres Bild über den Widerstand gegen Hitler.
Es kann unserer Jugend doch nicht verschwiegen werden, daß in Nazi- deutschland mehr als eine Millionen Frauen und Männer wegen ihrer Gegnerschaft zum Nazisystem eingekerkert waren und daß etwa drei- Bigtausend Deuische von den Nazigerichten zum Tode verurteilt und hingerichtet und zehntausende erschlagen wurden.
Es ist nicht wahr, daß der deutsche Widerstand gegen die Nazis erst begann als der Krieg verloren war! Es ist auch nicht wahr, daß nur der preußische Adel, die Generale und hohe Beamte Widerstand leisteten. Widerstand wurde von Anbeginn geleistet von Hunderttausenden von Frauen und Män- nern unseres Volkes. Im Widerstand gegen den Nationalsozialismus schlos- sen sich Menschen aller politischen und religiösen Bekenntnisse zusammen a in dem Ziel, der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein Ende zu ereiten.
Dieser Widerstand, verkörpert durch die Widerstandskämpfer in den von den Nazis besetzten europäischen Ländern, in den Zuchthäusern und Kon- zentrationslagern, hat Achtung und Anerkennung in der ganzen Welt ge- funden. Daran sollte nicht nur gedacht werden, wenn es gilt auftretende braune Flecken vor dem Ausland zu verdecken.
Der Widerstand gegen den Nazismus ist ein wesentlicher Bestandteil unserer jüngsten Vergangenheit. Seine Behandlung muß endlich Bestandteil des Un- jerrichts in den Schulen und höheren Lehranstalten werden. Auch in den Jugendorganisationen sollte diese Frage mehr als bisher diskutiert werden.
Wir sollten uns bemühen, den Schulbehörden und Jugendorganisationen mit Anschauungsmaterial zu helfen. Einige Beispiele mögen die Bedeutung unseres Vorschlages unterstreichen:
In Hamburg ließ eine Lehrerin in ihrer Klasse das„Horst-Wessel-Lied” singen. Auf einen Protestbrief antwortete der Oberschulrat Fr. Jürgensen in Verire- tung des ‚Landesschulrats Hamburg:„... Zwar hat die Lehrerin der Peter Petersenschule im gemeinschaftskundlichen Unterricht mit den Schülern das sogenannte Horst-Wessel-Lied gesungen, aber nicht, wie Sie nach den Ver- öffentlichungen in der Presse meinen, um die Schüler nationalsozialistisch zu beeinflussen, sondern um sie in eine abschreckende Situation des geistigen
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