Ein Beispiel für die Rolle der Presse: In der„Welt“ vom 1. Sept. 1962 setzt sich Hans-Dietrich Sander mit der Fernsehsendung„Vor unserer eigenen Tür” auseinander. Ich beziehe mich nur auf den Teil des Artikels, der sich mit Sachsenhausen beschäftigt, und zwar mit Dr. Baumkötter. Es heißt dort: u... daß in einem wochenlangen Prozeß über hundert Zeugen keinen Be- weis für eine direkte Übeltat Baumkötters erbringen konnten.”„... daß Baumkötter nie mehr als Arzt tätig sein kann, daß eine Zuchthausstrafe bei uns Berufsverbot und Aberkennung der akademischen Titel einschließt".
Daß zur Zeit Dr. Baumköfters in Sachsenhausen mehr als 13000 Menschen eiendig ums Leben kamen, darüber kein Wort bei Herrn Sander, aber bit- tere Klage über den Verlust des akademischen Titels.
Im dpa Bericht über den Prozeß heißt es:„Nachdrücklich wies der Vorsitzende darauf hin, daß den Verurteilten Dr. Baumkötter und Dr. Gaberle die Berufs- ausübung nicht verboten werde. Auch die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihnen nicht aberkannt.“ Was aber sagt Herr Sander?„... daß Baumköfter nie mehr als Arzt tätig sein kann.” Herr Sander verschweigt auch, daß Dr. Baumkötter zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil er Listen der Häft- linge aufstelien ließ, die umgebracht wurden. Auch daß die verhängte Strafe durch die Untersuchungshaft und Internierung als verbüßt gilt, verschweigt Herr Sander. Wir dürfen solch eindeutige Stellungnahmen für SS-Führer nicht hinnehmen.
Auch der Nazi-Jargon muß aus den Zeitungen verschwinden. Zum Beispiel der„Halbjude”, der„Judenjunge”, der„von jüdischen Eltern geborene Pro- zeßagent” usw.
Presse und Rundfunk könnten wesentlich dazu beitragen, das wahre Gesicht des Nationalsozialismus vor der gesamten Öffentlichkeit bloßzulegen. Mit Bedauern stellen wir fest, welch geringen Widerhall die Prozesse gegen Naziverbrecher im Rundfunk und in der Presse finden.
Dem Argument der Journalisten, daß Prozesse über Naziverbrechen nur einen geringen Interessenienkreis hätten, steht die Tatsache entgegen, daß der Interessentenkreis z. Beisp. für die ständigen Rubriken für Börsenberichte und Währungstabellen recht begrenzt ist. Eine laufende Berichterstattung und Stellungnahme zu den NS-Prozessen hat eine erzieherische Wirkung in politisch-moralischer Hinsicht, auf die seitens der Publikationsorgane nicht verzichtet werden darf.
IV Die Tatsache, daß die Nazis ihre Aktivität ständig steigern, veranlaßt uns, besonders ihre Methoden unter die Lupe zu nehmen. Von einigen Verbre- chen distanzieren sie sich, bei anderen werden sie als Folge des Nazi- Krieges entschuldigt und weiter stellt man den KZ-Verbrechen den Bomben- krieg der Alliierten gegenüber. Sie bestreiten ihre Schuld und schaffen eine Kollektivschuldthese für die anderen Länder.
Die Versuche, Klarheit über unsere Vergangenheit zu schaffen, werden da- mit: beantwortet, daß wir„das Alte rehen lassen sollen“. Wir sollen ver- gessen, damit die Nazis die Vergangenheit ungestört fälschen können.
Weiter ist es ihre Taktik, die Kriegsverbrecher-Prozesse als eine Anklage gegen die gesamte Wehrmacht darzustellen, um die Soldaten des 2. Welt-


