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Herr, wohin sollen wir gehen? : ein Wort eines evangelischen Theologiestudenten an seine Kommilitonen / Max Lackmann
Entstehung
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4. Wir müssen auch hier deutlich machen, daß der heilige Geist ein Geschenk, eine Gabe ist.

5. Das geheime Thema: Gott hat seinen Christus nicht nur damals auf die Erde geschickt. Er schickt ihn auch heute immer noch, aber eben im Geist".

6. Versuch der Ratechese:

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res: Man kann ausgehen von der biblischen Geschichte, also von Pfingsten oder von der Situation der Gemeinde: sie weiß von jener geheimnisvollen Kraft. Einstimmung vielleicht durch die Sage von Herzog Ernst von Schwaben , dessen Schiff plötzlich von der unsichtbaren Gewalt des Magnetberges gepackt wird. So weiß die Gemeinde sich gepackt von einer unsichtbaren Gewalt.

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Es gibt allerlei unsichtbare Gewalten: Heid Saß- Angst. Das hier ist eine andere Gewalt. Gerade jene Gewalten werden dadurch ver­trieben. Aber etwas anderes hat die Gemeinde noch daran erlebt. Sie wird durch diese Gewalt auf Christus hingetrieben, so daß sie gar nicht anders kann, als ihn zum Herrn und Heiland machen.

actum: Diese geheimnisvolle Gewalt ist der heilige Geist. Die Ver­heißung des heiligen Geistes durch das Alte Testament durch Chri­stus das Rommen des Geistes an Pfingsten. Seitdem ist diese Ge­

walt da.

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Was ist der heilige Geist? Taube? Dritte Person der Gottheit? Siehe Ziffer 2. Er ist( an Hand des Wortes: Siehe ich bin bei euch alle Tage!) der Herr Christus selber. Christus ist eine geschichtliche Persönlichkeit gewesen, dann ist er aufgefahren gen Himmel. Und nun ist er doch auf Erden- mitten in der Gegenwart, ist bei uns, wie einst bei den Aposteln, nur eben unsichtbar.

Er ist Gottes großes Geschenk. Gott könnte es ja auch anders machen, könnte uns bloß leben lassen von der Erinnerung an Vergan­genes, oder von der Hoffnung auf Zukünftiges. Gott tut das nicht. Er schickt auch uns heute den Herrn Christus. Es streit für uns der rechte Mann"( das Präsens!).

verbum: Aber wo finden denn wir den heiligen Geist? Müssen wir nach Palästina? Oder bekommen wir ihn draußen im Wald? Oder wo sonst?- Jm Evangelium! Wo das Gotteswort gelehrt und gehört wird, da ist der lebendige Christus, da ist der heilige Geist.

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Die Möglichkeit der Kirche

von Ernst Steinbach

Wir fragen abschließend nach der Möglichkeit der Kirche in diesem Augenblick, d. h. wir versuchen unsere Situation vor dem Problem der Kirche zu bestimmen. Kirche ist da, wo Christus ist. Deshalb sagten wir, daß die Erörterung des Kirchenproblems von vornherein auf dem Boden der Kirche erfolgt, es handelt sich dabei nicht um ein geist­reiches, im übrigen bequemes und unverantwortliches Spiel mit dem Kirchennamen. Mit Christus sich einzulassen ist eine gefährliche Sache für den Fall, daß er wirklich ist.

Nun aber soll die Kirche keinen anderen Zweck haben als den wider­spruchsvollen, daß sie sich in die Welt hinein auflöst. Sie entsteht um zu sterben, und sie lebt indem sie stirbt.

Es ist unvermeidlich, daß die Anrufung des Christusnamens immer eine reale, menschliche Gemeinschaft hervorbringt. Denn freilich kann ich Christus erkennen, vielmehr, ihn als Christus anerkennen, nur als einzelner. Der Glaube ist eine ganz einsame Sache. Eine Masse kann nie als Masse glauben, sondern nur indem sie sich aufspaltet in die gläubigen einzelnen. Welche Chancen" das Christentum in unserer Massenzeit hat, kann man daraus ermessen. Eine Volkskirche mit der immer mehr oder weniger deutlich geltend gemachten fiktion, daß die getauften, kon­firmierten und Kirchensteuer zahlenden Mitglieder eo ipso auch Christen seien, ist christliche Masse, und das ist eine contradictio in adjecto. Aber der einzelne, der herausgerufen und durch seine Berufung überhaupt erst ein einzelner wird, ist ja in Christus zugleich der allgemeine Mensch, über Christus gelingt die universale Verbindung mit den Brüdern, wäh rend es im direkten erotischen Verhältnis nur eine partikulare Verbin­

dung nach dem Prinzip der Auslese gibt. Christliche Gemeinschaft ist communio, ganz individuell und zugleich organisch und universal, und deshalb ist sie das Urbild jeglicher Gemeinschaft.

Christus versammelt also immer jene reale, menschliche Gemeinde. Wie eine solche Gemeinde geformt und verfaßt ist, läßt sich allgemein­gültig gar nicht angeben. Sie kann bestehen in großer Formlosigkeit mit einem Minimum an Organisation. Sie kann auch eine mächtige, wohl. organisierte Gesellschaft sein. Irgendwie muß sie immer organisiert sein, denn ohne Organisation gibt es kein Zusammenhalten und keine Macht. Aber selbst zum Sterben gehört die Macht, die Mächtigkeit des Leibes, damit er sich auflösen kann.

Auf jeden Fall muß eine christliche Gemeinde die realen Züge des Sterbens an sich tragen. Sie darf sich nicht selber wollen, sondern Chri­stus, sie muß Gott in der Welt veranschaulichen, ihn mit der Welt kon­frontieren und das heißt vor allem: mit sich selbst. Auch das kann zu ver­schiedenen Zeiten in der verschiedensten Form geschehen. Immer ist die christliche Predigt auflösend für das bloße Natürliche, weil Christus eine Person ist, die mit dem konkreten Anspruch auftritt: Jch oder Du.

Vielleicht wird das, was wir meinen, am besten klar, wenn wir ver­suchen, in etwas auf das christliche Lebensgefühl einzugehen. Christ sein heißt, die Todesangst, die das Leben jedenfalls in sich trägt, permanent machen und sie so ständig überwinden aus dem Glauben, daß sie ein für allemal überwunden ist. Es heißt, sich durch den Anspruch der Wahrheit von Stufe zu Stufe weiterdrängen lassen zu irgend welchen Handlungen, die in ihrer menschlichen Bedeutsamkeit zwischen dem Einfachsten, etwa dem Trunk kalten Wassers im Evangelium, und dem Anspruchvollsten, etwa Luthers Thesenanschlag, liegen. Aber immer wird der Christ ge­schoben, gedrängt, er ist mutig, weil er nicht feig sein darf, er springt von einer Eisscholle zur andern, weil er weiß, daß es für den von Gott kommandierten Menschen keinen Haltepunkt gibt, außer Gott selbst, und er weiß besser als alle anderen, daß das Gefühl des Mutes meist nichts ist als der Mangel an Phantasie. Er greift an, er löst auf, er zer­stört sich in scheinbar fruchtlosen Rämpfen mit der Welt, die er selbst ist, und der Welt um ihn herum, aber nicht mit der Freude des liberalen Schulmeisters, der dem Volk seinen Rinderglauben raubt in dem naiven Bewußtsein, daß wir es doch herrlich weit gebracht haben, sondern mit der Angst dessen, der nicht anders kann. Und umgekehrt baut er auf und richtet ein durchaus in dem Bewußtsein, daß alles Tun für Gott nur De­monstration ist und niemals Gott selbst unmittelbar veranschaulichen tann.

Daraus folgt, daß die christliche Kirche im Sinne des Dogmas nicht unmittelbar gemessen werden kann mit dem Maßstab der sichtbaren, moralischen Leistung. Denn einmal ist jede Handlung im Blick auf Gott zweideutig. Was nach dem gesellschaftlichen Maßstab verwerflich ist, kann christlich geboten sein. Einmal in diesem besonderen Augenblick und umgekehrt. Wer sich mit Christus einläßt, wird sich klar sein müssen, daß er selbst seinen intimsten Lebensstil mit leichter Hand führen muß, wenn anders er sich die Aussicht nicht rettungslos verstellen will, Christus in einer seiner tausend Verkleidungen zu erkennen. Christus will die Men schen für sich, er bekehrt sie nicht zu einem bestimmten Lebensstil; für den Moralisten ist kein Platz im Reiche Gottes. Verlangt man von der Kirche aber gar nicht eine besondere Leistung, sondern nur überhaupt Leistung als Außerung ihrer Kraft, so wird auch hier das moralische Urteil ver­sagen. Es gibt in der Kirche doch Anfänge, es gibt Schwache und Starke, und die Todesangst wird nicht mit einem Mal überwunden. Tot ist eine Kirche erst in dem Augenblick, wo sie keine Todesangst mehr empfindet und die ausbrechende Todesangst nicht mehr in sich duldet. Eine solche Kirche würde, weil sie rein moralisch ist, auch mit Recht dem moralischen Maßstab unterliegen. Ohne Zweifel wird aber für einen Menschen, der in die Kirche hineingezogen wird, der Widerstand aus ihm selbst und von außen her immer greifbarer, er wird immer mehr einsehen, daß das, was er tut, menschlich gesehen oft nicht nur töricht, sondern geradezu unverantwortlich ist, das heißt sein Handeln wird ganz von selbst zum Leiden. Und je mehr er lernt, daß es gar kein anderes Handeln gibt als das handelnde Leiden, desto mehr wird er die Todesfurcht überwin­den, und desto mehr wird die Kirche dann auch sichtbare Leistungen auf­zuweisen haben.

Aus Ernst Steinbach: Konkrete Christologie

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