Deutsches Schicksal
von Erwin Reisner
Das einsame, das auserwählte deutsche Volk hat seit jeher mehr mit sich als mit anderen zu schaffen gehabt. Deutschland hat eigentlich nie. mals Angriffskriege geführt, und der äußere feind war immer nur der Störenfried, der widerwillig abgewehrt werden mußte. Erst wenn mit dem inneren Feind gekämpft wird, wenn also der Deutsche gegen den Deutschen , der Preuße gegen den österreicher, die eine Partei gegen die andere steht, kommen die politischen Leidenschaften des Deutschen zu voller Entladung. Dieser Tatsache, die schon so oft bemerkt und bedauert wurde, liegt offenbar die Ahnung zugrunde, daß wir mit uns selbst fertig werden müssen, wenn wir die Aufgabe lösen wollen, vor die uns das Schicksal gestellt hat. Mit den eigenen inneren Widersprüchen ringt das deutsche Volk um seine Geschichtlichkeit, um seine Gegenwart, um die Verknüpfung der zentrifugalen Kräfte, die es zu zerreißen drohen. Es wahrt sich in erster Linie gegen das, was in ihm selbst entweder NurVergangenheit oder Qur- Zukunft werden will. Ungeschichtlich werden bedeutet für ein Volk soviel wie proletarisch werden. Der Prole. tarier ist der Massenmensch, der sich entweder von der Vergangenheit abgelöst hat und nur noch im Fortschritt der Zeit seinen Erfolg sucht, oder umgekehrt in schwächlichem Verzicht auf alles Rünftige sich dumpf und stumpf dem Rhythmus des Naturgesetzes überläßt. Deutschlands Rampf ist der Rampf gegen die eigene proletarische Gefahr und damit indirekt freilich auch gegen die Proletarier des Westens und des Østens. Aber nur, sofern es dort unterliegt, das will sagen seine Bestimmung verfehlt, werden ihm diese äußeren Feinde gefährlich.
Gegenwart hat nur das Volk, das in der Geschichte steht, das weder in seinem Zukunftsdrang die Vergangenheit, noch in seiner traditionellen Gebundenheit die Zukunft vergißt. Nur ein solches Volk ahnt etwas von der christlichen Kirche und vom Reich" als von einer immer neugestellten und bisher unerfüllten Aufgabe. In der Mitte Europas, in Deutschland , wo Ratholizismus und Protestantismus auf einanderstoßen und seit Jahrhunderten um die Vorherrschaft ringen, wo sich die Kirchen- und Glaubensspaltung vollzogen hat und wo die Auseinandersetzung zwischen Reformation und Gegenreformation nie. mals zur Ruhe gekommen ist, nur hier allein kann es für uns Einsame noch Geschichte geben, und hier allein lebt die unstillbare Sehnsucht nach der einen Kirche, die schließlich aus dem Rampf der Bekenntnisse hervorgehen soll.
In Deutschland soll als Frucht der Geschichte geboren werden, worauf die ganze übrige Völkerwelt in höchster Spannung wartet. Auf Deutschland sind aller Augen gerichtet, und der Deutschenhaß", den wir betroffen und verwirrt auf allen Seiten gegen uns aufflammen sehen, den weder demütige Friedensbeteuerungen noch drohende Worte zu bannen vermögen, der uns oft wie die Auswirkung einer satanischen Besessenheit erscheinen will, dieser Deutschenhaß ist vermutlich nur die folge einer bis jetzt immer wieder enttäuschten Erwartung. Der Deut. sche muß das erlösende Wort finden, von dem Dostojewski einmal gesagt hat, daß es bisher noch nicht gesprochen wurde. Und dieses Wort, dieses deutsche Wort, das zu sprechen wir berufen und auserwählt sind, ist keine Antwort auf irgendeine Frage, sondern selbst eine frage, nämlich die Frage, die wir als die Einsamen sind, und die in der Tatsache unserer Glaubensspaltung jedem Einzelnen ständig gegenwärtig sein sollte. Antworten kann der Mensch hier nicht. Wenn das von ihm verlangt wäre, dann wäre er auch verloren und dann hätte nicht der Sohn Gottes für ihn sterben müssen. Aber er kann fragen, er kann die Frage, die Fragwürdigkeit seiner sündigen Existenz bekennen, er kann anklopfen, damit ihm aufgetan werde. Mehr wird von ihm nicht gefordert. Das Antworten und Auftun ist Gottes Sache. Der Deutsche hat nichts anderes zu tun, als eben die Frage, die ihm seine eigene katholisch- protestantische Zwiespältigkeit vorhält, als seine frage an Gott zu richten und auf jede Antwort aus menschlicher Macht. vollkommenheit zu verzichten. Es ist nicht seine Aufgabe, in einer zweiten deutschen Reformation die dritte synthetische Ronfession zu stiften, etwa ein deutsches Christentum zu begründen, das dann in weiterer folge das reine Weltchristentum werden könnte. Von solchen Utopien haben wir uns fernzuhalten.
Innerhalb des deutschen Volksganzen stellen Preußen und österreich die äußersten Gegenpole dar. Preußen ist die Einsamkeit, Osterreich die Gemeinsamkeit, Preußen die Zukunft, Österreich die Vergangenheit, Preußen die Verborgenheit, österreich die Offenheit. Der Kampf zwi. schen beiden, der kurz nach der Reformation beginnt und eigentlich bis zur Stunde anhält, ist der Kampf um die Gegenwart und um das Gleichgewicht, das immer bedroht erscheint, wenn der eine oder. der andere Gegner zur Vorherrschaft kommt. Die deutsche Sendung kann weder ein preußisches noch ein österreichisches Deutschland er. füllen, sondern nur das Reich, das beide Pole in sich aufgenommen hat. Solange dieses Reich nicht Wirklichkeit ist, wird auf die preußische These immer die österreichische Antithese folgen müssen und umgekehrt; denn diese Antithese allein kann das deutsche Volk vor dem Abgleiten in die Geschichtslosigkeit, sei es des Ostens oder des Westens, bewahren. Ein rein preußisches Deutschland wäre sehr bald ein Stück Amerika und ein rein österreichisches ein Stück Orient. Tur indem Preußen immer wieder von Österreich und österreich immer wieder von Preußen zur Ordnung gerufen wird, bleiben sich beide ihrer deutschen Aufgabe be. wußt. Preußen ist Osterreichs und österreich Preußens Gewissen, und wann immer der Eine auf das Beginnen des Anderen mit seinem ein antwortet, ist dieses ein ein Mahnruf und ein Rückruf in die Bahn des gottgewollten deutschen Schicksals auf den Weg, den das aus. erwählte Volk unbeirrt weiterschreiten muß, bis es sein Ziel, die Ge. genwart aus der Offenbarung des Kreuzes, erreicht hat.
Das deutsche Reichsproblem ist das preußisch- österreichische Problem. Nur wenn dieser Gegensatz zur Versöhnung kommt, kann das Reich Wirklichkeit werden. Das preußisch deutsche Raisertum, das als Jdeologie, wenn auch nicht in monarchischer form, noch immer besteht, war im Grunde nichts weiter als der Versuch, sich der von Karl dem Großen übernommenen Aufgabe zu entziehen, nämlich sich auf den Staat zu beschränken und ein Volk unter anderen Völkern zu werden, das mit diesen auf dem Boden der Geschichte um die politische und vielleicht auch um die weltanschauliche Vorherrschaft ringt. Aber das deutsche Volk ist nicht berufen, aus sich heraus eine eigene Weltanschauung zu gestalten und dann mit ihr die Menschheit zu erlösen, seine Bestimmung ist vielmehr die, Empfänger und Verkünder des Offenbarungswortes zu sein. Es hat sich für Gott offenzuhalten, es hat das Kreuz, das ja auch schon die alte Raiserkrone schmückte, zu tragen und mit ihm durch die Geschichte nach Golgatha zu gehen.
Aus Erwin Reisner: Die Kirche des Kreuzes und das deutsche Schicksal Geh. RM. 4.50, geb. RM. 5.50 ( Näheres s. Anzeige)
1. Es ist keine leichte Sache, davon zu reden, weil wir zunächst ganz im Unanschaulichen stehen. Alles, was man an Anschauung heranträgt, ist immer schief. Catürlich hat man ein Recht, von der geheimnisvollen Rraft zu reden, die die Christengemeinde beherrscht. Aber zufrieden können wir damit noch nicht sein. Der heilige Geist ist ja mehr als eine Kraft. Am ersten werden wir der Wirklichkeit gerecht, wenn wir sagen: der heilige Geist ist einfach der Herr Christus, der nicht nur war, auch nicht nur im immel weilt, sondern der heute und hier" ist.
2. Die Jugend denkt bei Geist an die„ Taube". Oder sie redet von der dritten Person in der Gottheit". Es muß recht deutlich gemacht werden, daß die Taube gewissermaßen das Wappenzeichen des heiligen Geistes ist, so wie der Adler das Wappenzeichen Deutschlands. - über die Trinität werden wir reden, werden ganz kurz die Lehre darstellen, werden aber dann sehr stark betonen, daß wir hier in der Welt des Geheimnisses stehen. Der bekannte Traum Augustins tut uns hier gute Dienste.
3. Die reformatorische Situation: Die Reformation weiß sich be. herrscht, geführt, geleitet von einer geheimnisvollen Gewalt, die immer und immer auf Christus hindrängt. Sie weiß: das ist der lebendige, gegenwärtige Christus selber. Diesen gegenwärtigen Christus nennt sie den heiligen Geist, weil in der Bibel so von ihm geredet wird.


