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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
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Insassen der Strafkompanie mußten täglich bei jedem Wetter und bei völlig ungenügender Ernährung 35 km zurücklegen.

Um die Wirksamkeit von Tabletten, die angeblich für mehrere Tage den Schlaf verdrängen konnten, zu erproben, mußten Häft­linge mit Gepäck ganze Tage und Nächte marschieren.

In gewissen Abständen wurden Häftlinge, namentlich Krüppel ( Beinamputierte und Armamputierte), zu sogenannten Transpor­ten( ,, Kräutergarten") zusammengestellt. Nach 14 Tagen kamen die Bekleidungsstücke, Brillen, Prothesen dieser Häftlinge in das Lager zurück. Sehr wahrscheinlich gingen diese Transporte nach Buch bei Berlin . Da einem Teil der auf Transport gehenden Häft­linge schon vor der Abfahrt eine Spritze verabreicht wurde, ist anzunehmen, daß man an diesen Häftlingen die Wirkung der lang- und kurzwirkenden Todesspritzen ausprobiert hat. Die An­gehörigen wurden stets dahin unterrichtet, daß der Betreffende an Herzschwäche verstorben war.

Von 1937 bis 1940 wurden im Lager Sterilisations- und Kastra­tionsversuche durchgeführt. Eine ganze Anzahl von Häftlingen wurde in den Krankenbau bestellt und gegen ihren Willen sterili­siert oder kastriert und danach von den Ärzten beobachtet. Bei unserer letzten Anwesenheit im Lager wurden noch Akten der Sterilisierten und Kastrierten sichergestellt.

Im Sommer 1944 wurde eine Anzahl völlig gesunder Häft­linge in den Krankenbau bestellt und unter Leitung des Lagerarztes und hinzugezogener Ärzte der Reichsärztekammer nachfolgender Behandlung unterzogen: An den Beinen wurden ihnen Schnitte beigebracht und diese Schnittwunden wurden mit Dreck und Stroh verpackt, so daß eine Wundinfektion eintrat. Alsdann versuchte man mit Gegenmitteln diese Wundinfektion zu heilen. Bei diesen Prozeduren war die Folge, daß Häftlinge starben oder amputiert werden mußten. Auch kam es vor, daß Experimente durch Injektionen mit Typhus und Cholera vor­genommen wurden, zwecks Gewinnung und Erprobung von Serum. Am höchsten waren diese ärztlichen Experimente im Lager Dachau entwickelt. Das Lager Dachau besaß für solche Zwecke eine besonders große Station.

Aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen wurden periodisch die ,, Versuchskaninchen" für diese Experimentierstation, beson­ders Tbc.- Kranke, nach Dachau verschickt. Dem Revier wurden auch laufend zu diesem Zweck jüdische Kinder zugeführt.

Bis zum Jahre 1943 mußten alle deutschen politischen Häft­linge zehnmal an der Ausgrabung und Unschädlichmachung von Blindgängern und Zeitzündern teilnehmen, die nach Fliegerangrif­

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