Ein Wort zuvor
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Die folgende Blätter- Sammlung einer Reihe von Erlebnisberichten, individuellen Eindrücken von Männern, die jahrelang durch die Hölle der Konzentrationslager gegangen sind sind nicht mehr und nicht weniger als ein erstes Dokument; das letzte Wort über die Konzentrationslager als eine der Erscheinungsformen eines angeblichen Rechtsstaates, der kein Rechtsstaat war, weil seine Regierung sich nicht um wirkliches Recht kümmerte und damit zu einer„, Bande" herabsank, dieses letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Rückt es und das kann erst allmählich geschehen in unser Gesichtsfeld, dann wird es nicht nur die politischen Aktivisten angehen, sondern alle: die Historiker so gut, wie die bloßen Statistiker, die Ökonomen nicht minder, wie die Moralphilosophen. Es wird eine drängende Angelegenheit werden der Richter, der Ärzte und vor allem der Lehrer, wie aller Erzieher Deutschlands und der Welt. Denn es rührt an die tiefsten Wurzeln, an Bewegungsgesetzlichkeiten menschlichen Seins, die über Jahrtausende gehen.
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So ist es denn nicht eben wichtig, ob dieser und jener, dessen Unwillen erregt ist durch ach so kleines momentanes Elend( wenn es ihm auch oft anders erscheinen mag), sich abgestoßen fühlt und, zugegeben, auch abgestoßen werden kann bei bloßer Erörterung grausiger Szenen, auch wenn sie die Wahrheit nicht nur nicht erschöpfen, sondern ihr nur ein wenig nahe kommen. Noch stehen in dieser ersten Zeit des Entsetzens die bloßen Greuel im Vordergrund; später wird sich der Blick der Betrachter zwangsläufig auf die tieferen Ursachen und menschlichen Hintergründe dieser im Kern moralischen Tragödie lenken.
Wie gesagt: Ein erstes Dokument, von Menschen niedergeschrieben, die sprechen, wie ihnen ,, der Schnabel gewachsen". Und doch, ich weiß, wie schwer es ist und wie furchtbar schwer es auch ihnen wird, ihr Innerstes auszusprechen. Für mich selbst schrieb ich folgendes nieder: ,, Man müßte der Reihe nach erzählen; aber das ist ganz unmöglich. Das wird ohne Sinn und Verstand. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Am Ende werden wir weiter sehen. Vielleicht, vielleicht, daß dann der Phönix wie
der die Flügel spreizt und rauschend, lichtüberstrahlt, zum neuen Fluge gen Himmel steigt.


