Sachverständige und Laien mögen sich darüber wundern, wieso ich die Qualen der ersten drei Tage und Nächte überleben konnte. Ich bin von Geburt ein kräftiger Mensch; mein Organismus war völlig gesund, als ich mit meinen 25 Lebensjahren nach Sachsen- hausen kam. Mein Normalgewicht lag damals um 75 Kilo. Nach den sechs Wochen Zellenbau hatte ich Gelegenheit, mich auf der Revierwaage zu wiegen; ich wog noch 46 Kilo, hatte also fast 30 Kilo Gewichtsverlust. Daß das Leistungsvermögen eines so grausam vergewaltigten Körpers auf ein tiefes Niveau kam, liegt auf der Hand. Aber gerade diesen Zustand wollten die Nazi- Henker ja herbeiführen. Denn wer bei der Arbeit infolge Krank- ‘heit oder Schwäche zusammenbrach, bekam seinen Genickschuß. Angeblich, weil er die Arbeitsdisziplin durch„aufsässiges Be- nehmen” gestört hat.
Sechs Wochen verblieb ich im„Strengen Arrest“, der nach vier Wochen dadurch„gemildert“ wurde, daß ich jeden Tag eine halbe Stunde die Zelle verlassen durfte. Die„Verpflegung“ bestand aus 400 g Brot pro Tag und einem Krug Wasser. Jeden dritten Tag bekamen wir mittags und abends je eine Schüssel warme Wasser- suppe, in der ungeschälte Kartoffeln ohne Salz zerdrückt‘waren. Dieser Schweinefraß wurde von der verhungernden Kreatur doch immer wieder mit innerem Jubel begrüßt; verhinderte er doch, daß das schwächer werdende Lebenslicht nicht ganz erlosch.
Not macht erfinderisch. Die tägliche Brotration mußte möglichst rationell eingenommen werden. Ich knetete mir aus dem Brot kleine runde Kügelchen. Sie wurden auf dem Zellenboden in einer Ecke aufbewahrt und dann immer in bestimmten Zeitabschnitten je eine Kugel eingenommen. Diese wurde sehr langsam und so lange gekaut, bis der Brotteig sich mit dem Speichel zu einer flüssigen Masse vereinigt hatte. Bald merkte ich, daß der ameri- kanische Arzt Fletscher mit seiner warmempfohlenen Methode, alle Speisen langsam und gründlich zu kauen, sehr recht hat. Es wird dadurch zweifellos eine Verminderung des Nahrungsbedürf- nisses erzielt.
Bei der mehr als schmalen Kost konnte allerdings das„Flet- schern“ auch nicht viel helfen. Oft, wenn ich von meinem Liege- platz auf dem Fußboden hochkam, wurde mir schwindelig. Oft befand ich mich in einem Zustand der Dämmerung; auch muß ich zu manchen Zeiten das Bewußtsein verloren haben. Für stunden- lange Wanderungen in der Zelle reichten die Kräfte einfach nicht mehr aus. An den Kältezustand und das harte Liegen auf dem kalten Fußboden hatte sich der Körper schließlich gewöhnt!——


