Druckschrift 
KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
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Da, horch! Bewegung im Zellengang. Wieder das gleiche, nun schon oft gehörte Geräusch der Essenverteilung. Aber schwach ist meine Hoffnung, daß ich diesmal bedacht werden könnte. Wird auch jetzt meine Zellentür geschlossen bleiben? Und doch, Schritte nähern sich, bleiben vor meiner Tür stehen, ein Knack

Zellentür wird geöffnet!

meine

Mir wird eine Schüssel in die Hand gedrückt, und ich bekomme etwa ein viertel Liter warme Suppe. Welch' köstlicher Moment! Meine erstarrten Hände umklammern die heißersehnte, warme Schale. Und so, den Blick nach innen gerichtet, schlürfe ich lang­sam den Inhalt dieser Schale aus!

Noch einmal öffnete sich im Laufe der nächsten Stunden die Zellentür, ein Hemd und eine Hose wurden mir zugeworfen. Diese Bekleidung war zwar stark verschmutzt, aber ich hatte doch wie­der etwas, womit ich meine Blöße bedecken, meinen Körper be­kleiden konnte. Und etwas Wärme wurde so dem vor Kälte bebenden Körper!

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Mein Zellenkalender

Vier Tage war ich nun bereits in der Dunkelzelle des ,, Strengen Arrestes", als mir die erste Atzung und die Bekleidung zuteil wurde. Der kleine Lichtspalt, der durch die Bretter des ver­nagelten Fensters fiel, war meine größte innere Freude und auch mein Helfer. Mit ihm konnte ich mich beispielsweise nach Tag und Nacht orientieren. In der absoluten Zelleneinsamkeit, wo man durch nichts abgelenkt wird, verfällt man schließlich auf allerhand Hilfsmittel. So machte ich mir meinen eigenen ,, Zellen­kalender". Wenn mir der Lichtspalt den neuen Tag ankündigte, dann klemmte ich einen dünnen Holzspan in den Spalt. Das war ein Teil meiner täglichen Tätigkeit". Die stetige Wanderung durch die Zelle war allerdings meine Hauptbeschäftigung.

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Dunkelarrest bei Wasser und Brot

Nach und nach bemerkte ich, daß auch in der erniedrigenden Schmach System liegen kann. Denn bald wurde mir klar, daß es üblich war, den Häftlingen, die im Zellenbau den, Strengen Ar­rest" über sich ergehen lassen mußten, die ersten drei Tage nichts zur Verpflegung zu geben. Wie ich später erfahren sollte, über­stehen nur etwa 50 Prozent der Zellenbauinsassen die auch von mir durchlebten Torturen. Es lag im teuflischen Plan der Nazi­Lagerleitung, ihre Opfer bis an den Rand des Grabes zu bringen. Wer unter den Quälereien zusammenbrach, wurde als zu schwach gekillt". Es paßte zur teutonischen Ideologie der Nazi- Wissen­schaft", der Rassenlehre.

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