machte, in diesem Widerspiel der Empfindungen, die uns stündlich beherrschten, nahm unser brüchig gewordenes Verhältnis zur Welt und zum Leben zuletzt die Formen einer krankhaften Heiterkeit an, die uns ein irres Lächeln und ein irres Reden abrang.
,, Sterben ist nichts, aber Angst haben ist mehr als Sterben!" Und dabei war es nicht einmal die Angst vor dem Tode, denn die hatten wir längst nicht mehr, aber Tage und Nächte lang, Wochen hindurch die erbärmlichste Art des Sterbenmüssens vor Augen zu haben, ist mehr als ein Mensch zu ertragen vermag. Wer von uns wagte in dieser Zeit noch zu schlafen? Wie soll ich das Grauen jener Nächte schildern, in denen wir stundenlang in die drohende Stille des Dunkels hinauslauschten, um bei jedem Geräusch, das etwa das Klirren des großen Gittertores oder der Motor eines Kraftwagens verursachte, aufzufahren wie in einem Fieberrausch, geschüttelt von einer furchtbaren Ahnung, daß nunmehr der graue, fensterlose Todeskarren in das Lager rollte, um seine Fracht, von der wir nicht wußten, aus welchen Opfern sie diesmal bestehen würde, aufzunehmen. Einige von uns wechselten jeden Abend ihre Schlafstätte in der törichten Hoffnung, dem sinnlosen Schicksal zu entgehen. Andere bewaffneten sich mit irgendeinem schweren Gegenstand, da sie nicht kampflos fallen wollten und entschlossen waren, ihr Leben nur um den Preis eines anderen zu verkaufen. ,, Cette nuit peut- être! Vielleicht diese Nacht!" las ich einst an der Wand im Dormitorium eines Trappistenklosters und dieser drohende Spruch stand in unsichtbaren Lettern über dem Bett eines jeden von
uns.
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