sämtlicher Häftlinge wurden nach Bergen- Belsen geschafft. Die Belegschaft des Arbeitskommandos Krematorium wurde verdoppelt. An einem grauen und kalten Wintermorgen im Januar 1945 hörten wir zum erstenmal von Erschieẞungen politischer Häftlinge, die Verwaltungsstellen gehabt hatten und als Geheimnisträger galten. Wir alle waren solche Geheimnisträger.
In der Nacht hatte man die Opfer aus den Baracken geholt und in den Industriehof geführt. Einige wollten fliehen. Sie wurden niedergemacht. Die Schüsse gingen durch die Wände der im Kommandanturbereich gelegenen Baracke des Arbeitseinsatzes. Eines der Geschosse schlug dicht über meinem Arbeitsplatz in den Schutzkasten einer Schreibmaschine. Was in jener Nacht geschah, wiederholte sich in einer der nächsten Nächte. Diesmal waren es die vierzig luxemburgischen Polizeibeamten, die sich mannhaft geweigert hatten, in die SS einzutreten. Sie wurden erschossen. Erschossen wurden sechzig russische Kriegsgefangene, die der zur SS übergegangene Häftlingsdolmetscher Siegel der Konspiration verdächtigt hatte.
An jedem Abend wurden jetzt zwanzig Juden aus der Baracke 19, in der sich eine Geheimdruckerei des Sicherheitsdienstes befand, nach dem Krematorium beordert, zum Transportieren von Leichen. Jeden Abend waren es zwanzig andere Juden, denn die der vergangenen Nacht kehrten nicht wieder; sie wurden nach getaner Arbeit, wie alle anderen, in die Zone des Schweigens geschickt.
Wir wußten nun, daß der Augenblick greifbar nahe gerückt war, da auch wir damit rechnen mußten, aller Transportschwierigkeiten durch den kurzen und einmaligen Marsch nach dem Industriehof enthoben zu werden.
Die Aussichtslosigkeit unserer Lage, das zermalmende Gefühl absoluter Hilflosigkeit, durchströmt von Gedanken an die verheißungsvolle Nähe des Endes, des Zusammenbruchs, der Erlösung Europas von dem scheußlichen Monstrum, das noch immer im Schmuck eines Idiotenbärtchens in Weltgeschichte
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