von diesem Zeitpunkt die Lagerführung eine bessere Auskunft erteilt hätte, sondern sie unterblieb überhaupt. Die Zahl der Entlassungen war gering. Die von vielen Häftlingen gehegte Hoffnung auf einen„ Gnadenerlaß des Führers" oder eine allgemeine Amnestie zeugte zwar für die harmlose Gemütsart dieser Hoffenden, erfüllte sich aber nicht. Größere Entlassungen erfolgten nur im Falle der tschechischen Studenten, die im Jahre 1943 in zwei größeren Trupps das Lager verließen. Auf Entlassung konnten ferner Häftlinge rechnen, die mit polnischen Mädchen ein Verhältnis angefangen hatten und aus diesem Grund in das Lager gekommen waren; sie wurden meist nach drei oder sechs Monaten wieder in Freiheit gesetzt, falls sie nicht vorher den Lagertod erlitten. Denn die Anfälligkeit der Häftlinge war gerade in den ersten drei Monaten ihres Lageraufenthaltes am stärksten. Die seelische Erschütterung tat dabei das übrige. Der Mangel an innerem Halt, die Folgeerscheinung einer depressiven Veranlagung, erzeugte eine gefährliche Indolenz gegen die harten Bestimmungen der Lagerordnung. Wer erst einmal die barbarischen Methoden der körperlichen Züchtigung über sich hatte ergehen lassen müssen, fand meist kein Zurück mehr; Widerstandskraft und Trotz waren gebrochen.
War ein Häftling in dieses Stadium der körperlichen und seelischen Entkräftung gelangt, so bezeichnete man ihn als Muselmann, für den es kaum noch eine Rettung gab. Sein Zustand wurde ihm von den SS- Ärzten als ein Vergehen, Heimtücke oder Arbeitsscheu vorgeworfen und er konnte auf Genesung nicht rechnen. Er starb und wurde verbrannt. Viele Jahre hindurch betrug die Sterblichkeitsziffer im Lager täglich 30 Häftlinge. Die Todesursachen waren Lungenentzündung, Wassersucht, Phlegmone, Dysenterie, Tuberkulose, Miẞhandlungen und die unzulängliche Behandlung. Viele Häftlinge, die ihr erbärmliches Leben nicht mehr länger ertragen konnten, begingen Selbstmord. Sie erhängten sich oder liefen in den Draht. Die Berührung des mit elektrischem Strom geladenen Stacheldrahtes verursachte sofortige Herzlähmung.
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