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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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XXI

DER MENSCHENREST FÜR ZWEI MARK FÜNFZIG

Viermal im Jahr, in Abständen von je drei Monaten, unter­richtete sich die Geheime Staatspolizei über das Verhalten der von ihnen in die Konzentrationslager verschickten poli­tischen Häftlinge. Der Häftling wurde zum Lagerführer be­ordert und von diesem nach langem Warten über einige längst bekannte Vorgänge und Daten befragt. Der Neuling rechnete gewöhnlich mit der Aussicht auf eine baldige Entlassung in der Vermutung, daß man sich draußen für ihn interessierte und daß er nicht so ganz verlassen und vergessen sei. Er ahnte nicht, daß diese Anfragen nur eine Formalität waren. Durch einen in der politischen Abteilung tätigen Häftling brachte ich den Bericht an die Geheime Staatspolizei- Leit­stelle auf eine solche Anfrage in Erfahrung; sie lautete: ,, Nicht entlassungsreif, da faul und zu keiner Arbeit willig!" Diese kurze Erklärung ging zu den Akten und diente als Grundlage für die weitere Beurteilung des Häftlings. Jeder Versuch der Angehörigen den Häftling zu befreien, scheiterte auf diese Weise. Es gab aber auch Methoden, die eine unter Umständen schon beschlossene Entlassung eines Häftlings hintertreiben sollten und hauptsächlich dann zur Anwendung kamen, wenn man den betreffenden Häftling aus irgendwel­chen Gründen noch brauchte. So ersah ich aus Schriftstücken der Bauleitung, daß der tschechische Häftling Pleticha, dessen Entlassung vom Reichs- Sicherheitshauptamt bereits angeord­net war, erst vier Monate nach dieser Verfügung tatsächlich entlassen wurde. Pleticha war Vorarbeiter des Baukomman­dos Pumpenhaus II und wurde solange im Lager festgehalten, bis das Bauwerk fertiggestellt war. Er wurde der Gestapo gegenüber als ,, im Augenblick unabkömmlich" bezeichnet. Die Farce der Anfragen hörte im Jahre 1942 auf; nicht, daß

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