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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Vom Starkstrom gelähmt und von einigen MG- Geschossen der Wachposten durchbohrt, blieb der Leichnam im Stacheldraht hängen.

Die Angehörigen eines jeden Verstorbenen erhielten von der Lagerverwaltung die Nachricht ,,, daß der Häftling im Kranken­bau des Lagers an den Folgen einer Blutkreislaufstörung ge­storben sei". Die Urne mit der Asche des Toten wurde ihnen gegen Voreinsendung des Betrages von 2.50 Reichsmark zu­geschickt. Manchmal gestattete man den Angehörigen, die Leiche noch einmal zu sehen. Sie fuhren zu diesem Zweck mit Kränzen und Blumen nach Sachsenhausen, wo die Lager­führung einen Paradesarg bereithielt, in welchem die Leiche des Häftlings feierlich aufgebahrt lag. Ein Angehöriger der SS, meistens der Rapportführer oder der Lagerführer selbst, machte bei dieser Gelegenheit den trauernden Hinterbliebenen die Honneurs und bedauerte aus tiefstem Herzen, daß der Kranke trotz sorgfältigster Pflege nicht mehr zu retten gewesen wäre. Hatten die Angehörigen dies zur Kenntnis genommen, den Händedruck der hohen Herrn empfangen und den Kom­mandanturbereich des Lagers wieder verlassen, flogen Kränze und Blumen in die Müllgrube, die Leiche des Häftlings in eine schwarze Kiste und der feierliche Akt war zu Ende. Es starben aber auch Hunderte von Häftlingen an einem Tag; dann hatte das Kommando Krematorium alle Hände voll zu tun. Oft standen die schwarzen Kisten in hohen Stapeln vor dem Eingang des Gebäudes, auf dessen Esse oft nachts noch die Flammen tanzten, wie die zuckenden Seelen der in die Freiheit des Himmels entlassenen Toten.

Untertags zogen Krähen in breiten Schwärmen vom nahen Walde über das Lager, das im nebelfeuchten Grau eines Herbst­tages einen so trostlosen Anblick bot, daß man kaum an die Wirklichkeit seiner Existenz glauben mochte. Kahl und baum­los, wie von der Schere des Teufels herausgeschnitten aus dem Bild der lebendigen Welt, weitete sich der in seiner Leere gähnende Platz, eine Arena der Verzweiflung, ein Zirkus der grausigsten Spiele, die Menschen je erdacht und geübt. Hier

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