XVI KORRUPTION
Im Frühjahr 1942 suchte die Unterkunftskammer der Verwaltung einen Buchhalter. Mein Freund Hubert, der dort als Läufer tätig war, empfahl mich dem Vorarbeiter des Betriebes, der seinerseits meine Überstellung beim Arbeitsdienst beantragte. Am 1. April verließ ich das Kommando Hülsensortierer und trat meine neue Stellung an. Sie unterschied sich in jeder Beziehung von der vorherigen. Ich saß in einem sauberen Büroraum, hatte einen eigenen Schreibtisch, einen eigenen Kompetenzbereich und einen anständigen Vorgesetzten. SSUnterscharführer Rügheimer, ein älterer Reservist, unterschied sich von den meisten seiner aktiven Kameraden durch seine unverkennbare Abneigung gegen die im Lager üblichen Behandlungsmethoden, seine Großzügigkeit uns Häftlingen gegenüber und seinen Unglauben an den Sieg. Er war mit tausend Dingen nicht einverstanden, stöhnte und ächzte unter dem Druck der Verhältnisse und erwirkte uns, wohl zur Milderung dieses Drucks, gelegentlich ein Sondereinkaufsrecht für die Kantine des Lagers. Diese Lagerkantine, in der ,, alles" gekauft werden konnte, war wohl der einzige Ort im Lager, den man nicht mit Schrecken, sondern mit Hoffnung betrat. Hier sollte es früher einmal tatsächlich alles gegeben haben. Ältere Häftlinge schwärmten noch jetzt gelegentlich von den Wundern dieses Lokals, von den Zervelatwürsten und Schinken, den Mandeltorten und Streuselkuchen; zu meiner Zeit war von all diesen schönen Dingen leider nichts mehr vorhanden, es gab nur noch Brot, Sauerkraut, Quarkkäse und rote Rüben. Einige Monate lang wurden wir von hier aus allerdings auch mit ,, Karo" beliefert, einem von den Maizena- Werken hergestellten malzartigen Brotaufstrich, den wir in beträchtlichen Mengen aßen und von dem böse Zungen behaupteten, es sei nur eine
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