völlig unbekannten Frau empfand, wußte er, daß das Liebe war. Die Liebe zu dem anderen Geschlecht, die ihm bislang fehlte. Wohl hatte er in früherer Zeit ge­nügend Freundschaften und Bindungen mit jungen Mäd­chen gehabt, aber eine ernstliche Neigung war ihm bis­her völlig fremd gewesen. Den Grund darin sah er in dem innigen Zusammenleben mit seiner Mutter.

Das Vorzimmer von Peter Vagas' Sprechstunde war mit Menschen aller Art überfüllt. Gebildete und unge­bildete, einfache und elegante Damen sagen dicht ge­drängt auf den Bänken, oder standen an den Wänden und an den Türen herum.

Die Zahnbehandlung erforderte, besonders hier in Theresienstadt, eine ganz außerordentliche Gewissen­haftigkeit seitens des Arztes, denn von der Gesund­heit der Zähne hing die Verdauungstätigkeit des Ma­gens ab. Überhaupt wurde hier bewundernswerte Arbeit von den Ärzten geleistet. Man bedenke, daß diese für alle Mühe fast nichts bekamen, nämlich nur das N.­Brot und einige Prämien dazu an Margarine und Zucker sowie Leberpastete. Später wurde es mit der Entschädi­gung an zusätzlichen Lebensmitteln im Gesundheitswe­sen besser. Jedenfalls konnte man nicht genug Worte der Anerkennung für die uneigennützigen Leistungen der Ärzte finden.

Die Dankbarkeit unter den Patienten war natürlich, und besonders drängten sie sich zu der Behandlung von Dr. Vagas, doch es gab außer ihm noch eine Menge anderer Zahnärzte in Theresienstadt. Auch Kitty befand sich heute unter den Patientinnen Dr. Vagas. Die Or­donnanz war gerade dabei, die kleinen Karten einzu­sammeln, um an Hand der kleinen die große Ambulanz­karte aus der Krankenkartei zu holen, als Dr. Vagas mit großen Schritten durch das Vorzimmer kam. Das erste, was er sah, war Kitty.

Er war so erstaunt, den Gegenstand seiner Sehn­sucht und ständigen Gedanken plötzlich vor sich zu sehen, daß er unwillkürlich seine Schritte anhielt. Das

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